Prof. Kemfert, wie sieht eine klimagerechte Zukunft aus?

„Generationenübergreifende Klimagerechtigkeit gibt es nicht im Supermarkt“. Dafür braucht es weitreichende Veränderungen. Und eine Vision. Das Jahr 2021 ist entscheidend dafür: Mit der Bundestagswahl und der COP26 stehen zwei Ereignisse an, die die Möglichkeit für Veränderung in sich bergen. Und am 24.09. gehen wir wieder weltweit auf die Straße für eine klimagerechte Gesellschaft. Deshalb haben wir Aktivist*innen und Expert*innen gefragt, was sie antreibt, ihnen Mut macht für die Zukunft und in welcher Welt sie leben wollen. Im zweiten Teil unserer Artikelreihe beschreibt die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert ihren Blick und ihre Hoffnungen für die Zukunft.

Viele Menschen beschränken ihren Handlungsspielraum auf die Konsumentscheidungen. Sie kaufen regionale Bioprodukte, sie bewegen sich mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln, sie kaufen Ökostrom oder installieren moderne Klimatechniken in ihrem Haus. Das ist ein guter und wichtiger Anfang. Doch generationenübergreifende Klimagerechtigkeit gibt es nicht im Supermarkt. 

In einer Demokratie haben wir aber alle viele Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Und die müssen wir nutzen. Die Welt ist an einem Wendepunkt und sie wendet sich. 2021 ist ein Jahr, in dem die Stimmung kippt, in dem sich die Menschen nicht mehr von fossilen Lobbyisten mit Märchen von gestern und mit geschickter Rhetorik beirren lassen, sondern darauf bestehen, dass endlich ernsthaft und entschlossen Maßnahmen zum Klimaschutz ergriffen werden. Wir brauchen andere gesellschaftliche Vereinbarungen und einen bunten Strauß an Instrumenten aus Ordnungsrecht und ökonomischen Rahmenbedingungen. Die Politik muss diese Instrumente schaffen und zur Verfügung stellen, die Menschen müssen sie verantwortungsbewusst, kreativ und harmonisch einsetzen. Dann ist Klimaschutz nicht Askese, sondern das Mittel, die Welt zu erhalten. Die Frage heißt nicht: »Was passiert, wenn wir die Ziele nicht erreichen?« Die Frage heißt: »Was passiert, wenn wir die Ziele erreichen?«

Lasst uns mal positiv nach vorne denken!

In den nächsten zwei Jahrzehnten wird Umwelt- und Klimaschutz zur Priorität Nummer Eins, auf deren Basis alles andere aufgebaut wird. Das System wird nicht länger Raubbau am gesamten Planeten, den Ressourcen, der Umwelt, der Gesellschaft und den Menschen betreiben. Das System wird von der Natur lernen, wird nachhaltig sein, ein Gleichgewicht suchen und auf naturverträgliche erneuerbare Energien setzen. Und das System wird endlich ein anderes Verhältnis zum Thema Wachstum entwickeln.

Wachstum ist nämlich etwas Wunderbares – nicht nur in der Kindheit wachsen wir, sondern unser ganzes Leben lang. Menschen, Tiere und Pflanzen sind Teil eines ewigen Kreislaufes aus Werden und Vergehen. Leben ist Wachstum. Die Erde ist über Milliarden von Jahren zu dem gewachsen, was sie heute ist. Und sie dreht sich immer weiter. Wäre das Wirtschaftswachstum ähnlich organisiert, würden wir uns darüber freuen.Statt ungezügeltes Wirtschaftswachstum als Maßstab für Wohlstand zu betrachten, werden wir eine völlig andere Art von Wachstum wertschätzen. Vor der Tagesschau sehen wir dann keine Börsenkurse mehr, sondern erfahren die Indikatoren der Nachhaltigkeit unseres Planeten: Ressourcenverbrauch, die Sauberkeit der Luft oder den Anteil erneuerbarer Energien. Ein „Good Growth Index“ wird uns anzeigen, wie es um Umweltschutz, Artenvielfalt und Gesundheit steht. Wir sehen Wachstumskurven zum Anteil von erneuerbaren Energien, klimaschonender Mobilität, steigender Lebensqualität sowie Techniken zur Herstellung von sauberem Trinkwasser. 

Solches Wirtschaftswachstum ist dann nicht mehr die Ursache eines globalen Klimawandels, sondern dessen Lösung.
Statt eines unersättlichen Konsums, der zu Überfischung, Vermüllung und Zerstörung der Erde führt, genießen wir eine bewusste Selbstfürsorge, die achtsam mit den eigenen Bedürfnissen, aber auch mit den verfügbaren Ressourcen umgeht.

Wir praktizieren eine nachhaltige Effizienz, die nicht den monetären Profit steigert, sondern eine soziale und ökologische Rendite erwirtschaftet. Wir vermeiden Verschwendung und kommen mit möglichst wenig Ressourcenverbrauch ans Ziel. Wir berücksichtigen dabei auch die sogenannte Rebound-Effekte, heißt: Wir wissen, dass manche technische Neuerung zwar effizienter ist als die alte, aber unsere gewachsenen Ansprüche dafür sorgen, dass die neue Technik unterm Strich mehr Ressourcen verbraucht als die alte. Deswegen reflektieren wir unsere Wünsche und Begierden bewusst und finden eine positive Form der Genügsamkeit, also ein Konsumbewusstsein, das den realen Bedarf hinterfragt und vor allem die jeweiligen Folgen eines bestimmten Konsumverhaltens einbezieht. Zur Effizienz tritt die Suffizienz. 

Aus einem fundierten Verantwortungsgefühl für unsere Umwelt und uns selbst haben wir für unseren Konsum eine klimaverträgliche Obergrenze definiert. Jeder Mensch hat ein CO2-Budget und darf maximal 6,5 Kilogramm CO2 pro Tag ausstoßen. Jedes Land ist gefordert, dieses Klima-Budget nicht zu überschreiten. Deutschland wird sich damit noch eine Weile ziemlich schwer tun, aber wir lernen von anderen Ländern, etwa von Norwegen, Dänemark und dem Königreich Bhutan. China geht mit Riesenschritten voran und zeigt vor allem den Nachzüglern in Nordamerika und Australien, wie sich ökonomisches und ökologisches Wachstum vereinen lässt.Wir werden große Fortschritte machen, nicht nur die Lebensdauer von Rohstoffen im Verwertungsprozess zu verlängern, sondern hier und dort echte Kreisläufe zu etablieren. Eine Welt ohne Abfälle, in der alles wiederverwertet wird, ist nicht mehr ferne Utopie, sondern aufgrund intensiver Forschung und Entwicklung lernen wir von der Natur, die uns eine solche Kreislaufwirtschaft in wunderbarer Weise vormacht. Zu Effizienz und Suffizienz gesellt sich die Konsistenz.

Die heutigen Strategie-Diskussionen, welche der drei Strategien die beste ist, sind beendet. Stattdessen beschreiten wir alle drei Wege, gleichzeitig nebeneinander und miteinander verzahnt. So kommen wir endlich mit großen Schritten weiter.

Deutschland –  Ingenieurskunst für die ganze Welt

Die Tage, als sich einzelne Politiker meinten dadurch glänzen zu können, dass sie Deutschlands Rolle in der Welt herunterspielten, sind vorbei. Ja, in unserem Land lebt auch 2050 nur ein Prozent der Weltbevölkerung, aber als Wirtschaftsnation stehen wir weiterhin auf den vorderen Plätzen der Weltspitze. Als eine der größten Exportnationen haben wir nach wie vor größten Einfluss auf die technische und ökologische Entwicklung vieler anderer Länder. Seit wir verstanden haben, welche Verantwortung unserer Politik und Wirtschaft damit zukommt und seit wir unser Handeln konsequent auf Klimaschutz ausgerichtet haben, hat sich diese Rolle im positiven Sinne verstärkt. Denn Klimaschutz ist eine Chance, nicht nur für die Regionen, die in einer post-fossilen Wirtschaftsordnung nicht mehr ausgebeutet werden, sondern auch für die Industrieländer selbst. Das Ende des fossilen Zeitalters und die Dekarbonisierung der Wirtschaft führt zu einem Boom neuer Wirtschaftszweige. Je mehr wir auf erneuerbare Energien umsteigen, desto schneller sinken die Kosten. Dank enormer Skalierungseffekte wird es auch Kleinbäuerinnen in Asien und Afrika in großer Zahl möglich, sich Solarzellen aufs Hüttendach zu schrauben und alltäglich Strom zu nutzen, sei es um Lebensmittel zu kühlen, Handys und Laptops zu laden oder um Licht zum Arbeiten zu haben. 
Unser Land verbreitet auf diese Weise auch Energie und Frieden in der Welt. Denn Kriege sind oftmals Konflikte um mangelnde Ressourcen. Energie wird eine der wichtigsten Ressourcen sein. Wer hier innovative Ideen und zukunftsweisende Impulse liefert, kann so manchen Konflikt aus der Welt schaffen. 

„Renewables first!“ – intelligente Netzlösungen und Klimaprämie

Seit dem Pariser Klimaschutz-Abkommen von 2015 und seit der konsequenten Umsetzung der damit verbundenen Ziele sind die Emissionen permanent gesunken. 2040 sind Treibhausgase schon um weit über 50% reduziert, bis 2050 werden sie dann um mindestens 80 Prozent gesenkt sein. Ziel ist eine vollständige Transformation und Dekarbonisierung des Wirtschaftssystems. 

Das gesamte Energie- und Mobilitätssystem befindet sich im rasanten Wandel. Die Energiewirtschaft hat die größten Fortschritte gemacht. Nicht nur der deutsche, sondern der gesamte europäische Stromsektor basiert in erster Linie auf erneuerbaren Energien. Jede neue Investition fließt statt in fossile nunmehr in erneuerbare Energien. Die letzten Kohlekraftwerke werden in Deutschland spätestens Mitte der 2030er Jahre vom Netz genommen. Dann gibt es nur noch einige wenige, extrem effiziente Gaskraftwerke. 

Statt Subventionen für fossile oder atomare Energien werden die Folgeschäden fossiler Energienutzung endlich ehrlich eingepreist. Öl, Gas und Kohle sind bald so teuer, wie sie es in Wahrheit sind. Der Preisanstieg durch die 2020 eingeführte CO2-Bepreisung wird sozial aufgefangen, indem der Staat die Mehreinnahmen direkt als „Klimaprämie“ an die Bürgerinnen und Bürger wieder auszahlte. Anfangs sind es 60 Euro, bald sogar 450 Euro im Jahr. Wer einen kleinen CO2-Fußabdruck hat – also ärmere Menschen, die in einer kleinen Wohnung leben, keine Flugreisen machen und wenig Fleisch essen –, haben auf diese Weise sogar mehr im Portemonnaie als früher. Wer dagegen einen Lebenswandel mit hohem CO2-Ausstoß führte, bezahlt den Preis dafür. 

Aber weil die Menschen plötzlich die Wahl haben, nutzen sie die Klimaprämie und steigen mit großer Begeisterung auf Wind, Wasser, Sonne und Geothermie um. Dadurch dass der CO2-Preis kontinuierlich steigt, bleiben die Einnahmen des Staates stets gleichhoch, obwohl die Emissionen kontinuierlich sinken. Dank der Klimaprämie haben im Laufe der Jahre immer mehr Menschen ein Plus auf dem Konto, und es entsteht geradezu ein Wettbewerb, möglichst wenig davon für CO2 auszugeben.

Auch auf den Finanzmärkten herrscht ein neuer Ehrgeiz: Kluge Regulierung sorgt dafür, dass Kapitaleigner verstärkt in die globale Energiewende investieren. Das Motto lautet: „Renewables first!“ – und die großen Konzerne stellen ihre Produktion schnell um. Alle Produkte sollen jetzt nachhaltig und recycelbar sein.Doch am allerstärksten hatte sich der Energiemarkt selbst verändert.

Für alle Arten von erneuerbaren Energien, egal ob Wind-, Wasser-, Solarenergie, Geothermie oder Biomasse, werden die Kapazitäten ausgebaut. Das alte für Atom- und Kohle-Energie geschaffene Stromsystem wird fast vollständig zu einem völlig neuen Versorgungssystem umgebaut. Es funktioniert dezentral, flexibel und dynamisch. Dank neuartiger Blockchain-Technologie und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz werden die natürlichen Schwankungen bei der Produktion von Wind- und Sonnenenergie in Bruchteilen von Sekunden mit den „grundlastfähigen“ Produktionsmengen aus Biomasse, Geothermie und Wasserkraft abgeglichen. Auch können Bedarfsmengen intelligent gesteuert werden, indem etwa an heißen Tagen, wenn Klimaanlagen und Kühlhäuser besonders viel Strom verbrauchen, andere zeitlich flexible Energieverbrauche, beispielsweise Waschmaschinen oder das Aufladen von Batterien, in die kühlere Nacht verschoben werden.Auf intelligente Netzlösungen spezialisierte Unternehmen verkaufen ihre Netz-Technologie in alle Welt. Das gilt auch für die – in Europa transnational gegründeten – Unternehmen zur Batteriefertigung. Speichertechnologien made in Europe verwandeln zwei Branchen, die man einst eher selten zusammengedacht hat, zu wechselseitigen Dienstleistern: Energieversorgung und Mobilität. 
Hatte noch zu Beginn des 21. Jahrhundert die Energiebranche nur den Treibstoff produziert, den der Verkehrssektor verbrannte, um damit Geschwindigkeit „auf die Straße zu bringen“, so wird sich die Lage bis zum Jahr 2040 massiv wandeln. Dann sind Fahrzeuge nicht nur Verbraucher von Energie, sondern auch Speicher. Die neue Generation Elektromobile tankt nicht nur Strom, sondern speist ihn auch zurück in das Netz ein und bügelt somit Versorgungslücken aus. Ganze Siedlungen, die durch Solarpaneele auf Schuldächern, Büround Wohnhäusern, Supermärkten, Fabriken und Bauernhöfen eigenen Strom gewinnen, sind dadurch völlig unabhängig von klassischen Stromkonzernen, und können sich autark mit Strom versorgen. Immer mehr Städte und Kommunen treten in den Wettbewerb um die besten Ideen für die Umsetzung einer konsequenten Energiewende vor Ort. Indem sich mobile und immobile Ökostromerzeuger und –speicher als Gemeinschaften zu einem größeren intelligenten Stromnetz zusammenschließen, entfaltet sich weltweit immer mehr das Potential dieses neuartigen Energieversorgungsmodells. 
Plötzlich entstehen neue regionale Marktplätze, Konsumenten sind gleichzeitig Produzenten, als „Prosumer“ entscheiden sie selbst über die ökonomische und ökologische Zukunft ihrer Region. Dank technischer Innovationen wie die Blockchain-Technologie werden frühere Sorgen über unbeherrschbare Datensicherheitsprobleme in Smart Grids gelöst. Die dezentrale, regional organisierte Energieversorgung ist zwar anspruchsvoll, hat aber neben wirtschaftlichem Nutzen vor allem ökologische und soziale Vorteile: Sie erhöht die Wertschöpfung vor Ort, sie vermeidet einen übermäßigen Übertragungsnetzausbau und sie stärkt die regionale Identität. Positiver Nebeneffekt: Die Resilienz des Gesamtsystems steigt. Im Störfall können sich regionale Teilnetze sich einfach „abnabeln“ und damit Kettenreaktionen im übergeordneten Netz vermieden werden. 

Der Klimaschutz im Jahre 2040 bringt also nicht nur enorme wirtschaftliche Vorteile wie geringere Energiekosten und Energiesicherheit, sondern stärkt ebenso Partizipation und Demokratie. 

Nachhaltige Mobilität – flexibel von einem Ort zum anderen 

Dekarbonisierung, Digitalisierung und Demokratisierung wird sich auch in der Mobilitätsbranche steigen. Ist heute noch das Auto DAS Verkehrsmittel schlechthin, auf das sich alles Denken und Planen ausrichtet, so wird schon in 20 Jahren der eigene Pkw nur noch eine Nebenrolle spielen. Was nicht heißt, dass es dann keinen motorisierten Individualverkehr mehr gibt. Im Gegenteil: Die individuelle Mobilität wird eine wachsende Bedeutung bekommen. Denn die Menschen wollen flexibel von einem Ort zum anderen kommen – dann, wenn sie es brauchen. 2020 nur eine Idee, 2040 hoffentlich Realität: 

Indem das sogenannte Diesel-Privileg abgeschafft, also die Dieselsteuer auf das Niveau der Benzinsteuer angehoben wird, nimmt der Staat kurzfristig acht Milliarden Euro pro Jahr ein, die sofort in den Ausbau des Schienenverkehrs und der Ladeinfrastruktur für Elektroautos investiert werden können. Dazu wird eine Blaue Plakette zur Kennzeichnung aller Emissionen eingeführt, verknüpft mit deutlich schärferen EU-Grenzwerten für Neuwagen.

Ordnungspolitisch und strafrechtlich wird die bisherige Bevorzugung fossiler Mobilität –  Schwarzfahren im ÖPNV kostet sechzig Euro, Falschparken bloß fünf Euro – durch eine klimagerechte Regelung ersetzt: Wer beispielsweise sein Auto auf dem Radweg parkt, muss mit schmerzhaften Geldstrafen rechnen. Wiederholungstätern wird vorübergehend der Führerschein entzogen. Im Gegenzug wurden die Tarifsysteme im ÖPNV überregional einheitlich gefasst, so dass auch ohne spezielle Ortskenntnisse die Ticketwahl einfach und unkompliziert verläuft. Die Preise reduzieren sich zuerst durch den Wegfall der Mehrwertsteuer, dann setzen sich immer mehr regionale Initiativen für Bedingungslosen Nulltarif durch. 

Durch entsprechende Rahmengesetze und staatliche Förderprogramme ließe sich in wenigen Jahren der gesamte Verkehr klimaneutral umgestalten. Der größte Teil bewegt sich öko-elektrisch. Der Güterverkehr wird mit elektrischen LKWs oder auf der Schiene abgewickelt. Für lange Distanzen – insbesondere im Schiffsverkehr – werden flüssige, aus erneuerbaren Energien gewonnene Treibstoffe genutzt, etwa Power to Gas oder Wasserstoff.

Mittels digitaler Techniken ist es möglich, Fahrzeuge „on Demand“ zu ordern, die einen zu jeder Tages- und Nachtzeit bringen, wohin man will. Digitale Mobilitätsdienstleistungen ermöglichen eine effektive und klimaschonende Mobilität. Autonome Fahrzeuge erhöhen nicht nur die Auslastung einzelner Fahrzeuge (Ziel: Autos sind zu 80% unterwegs), sondern reduzieren auch die Parkfläche um mehr als die Hälfte. Staus gibt es nur noch bei seltenen Computerausfällen oder, wenn ungewöhnliche viele Menschen gleichzeitig an denselben Ort wollen.

Klimaschonende Verkehrsmittel wie Busse, Bahnen, Fahrräder und E-Scooter, aber natürlich auch das Zu-Fuß-Gehen stehen deutlich im Mittelpunkt der Stadtentwicklung. Ziel ist eine Raumordnung der „kurzen Wege“. Das dient nicht nur dem Klimaschutz, sondern macht Städte und Dörfer um einiges wohnlicher. Die aktive Mobilität wirkt sich durch mehr Bewegung im Alltag außerdem auf das persönliche Wohlbefinden und die Gesundheit aus. Die Kosten für medizinische Versorgung sinken, zumal sich auch die Unfälle im Straßenverkehr stark reduziert haben. Die Zahl der Verkehrstoten und schwer verletzten Verkehrsopfer sinkt auf nahezu Null.

Im ländlichen Raum boomt durch den raschen Ausbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur die Elektromobilität, auch und gerade in Kombination mit einem eng getakteten regionalen Schienenverkehr. Immer mehr Menschen suchen die Ruhe abseits der Großstädte, Silent-Working-Spaces in ehemaligen Gutshäusern geben die Möglichkeit abgeschieden vom Trubel der Metropolen konzentriert kreativer, sozialer oder politischer Arbeit nachzugehen. Der sanfte Tourismus boomt in den deutschen Provinzen und neue Formen der solidarischen Landwirtschaft ermöglichen alteingesessenen Landwirtschaftsbetrieben Experimente der Permakultur, die artgerechte Aufzucht von Ziegen und Schafen sowie tiergerechte Eier- und Milchwirtschaft.Die Automobilkonzerne verstehen, dass sie nur dann Verlierer eines klimagerechten und nachhaltigen Verkehrssystems werden, wenn sie sich dagegen sperren. Bald gehören diejenigen zu den Gewinnern am Markt, die sich frühzeitig auf die Verringerung des motorisierten Individualverkehrs sowie die Stärkung intelligenter und integrierter Mobilitätslösungen eingelassen haben. An der Schnittstelle von Maschinenbau und Informationstechnik, Künstlicher Intelligenz und Mechanik kommt die berühmte deutsche Ingenieurskunst zu neuer Blüte. Deutsche Unternehmen werden nicht nur weltweit führend in der Produktion von Elektrofahrzeugen – Autos, Lastenräder und Pedelecs –, sondern auch globale Anbieter von „Mobilitätsdienstleistungen“ wie Car Sharing oder All-inclusive-Mobilitäts-Abonnements, bei denen die Kundschaft mit einer monatlichen Pauschalgebühr sämtliche Verkehrsmittel kostenfrei nutzen kann. Dabei gibt es unterschiedliche Tarife für unterschiedliche Zielgruppen – im günstigsten Dynamik-Tarif werden bevorzugt sportliche Mobilitätsangebote bereitgestellt, im gängigsten Komfort-Tarif geht es gemütlich, aber ohne eigene körperliche Aktivität ans Ziel, der Tempo-Tarif hat seinen Preis, spart aber Zeit und der teuerste Premium-Tarif garantiert – egal wo, egal wohin – immer auch einen ortskundigen Mobilitäts-Concierge, der nicht nur die wichtigsten Sehenswürdigkeiten erläutert, sondern sich auch um die Tischreservierung im Restaurants oder die Übernachtung im Hotel kümmert.

Menschengerechte Städte

In den Innenstädten werden Parkplätze am Straßenrand in Fahrradspuren oder Spielplätze umgewandelt. Öffentliche Plätze sind mit Sitzgelegenheiten, Spiel- und Sportmöglichkeiten, Trinkwasser und öffentlichen Toiletten sowie mit moderner solarbetriebener Straßenbeleuchtung ausgestattet.

Aus „autogerechten Städten werden endlich „menschengerechte Städte“. Es gibt eine rollstuhlgerechte ebenerdige Wegeführung, speziell variierte Bodenbeläge, die auch Blinden eine problemlose Orientierung ermöglichen und eine solarbetriebene Straßenbeleuchtung, die Frauen auch in der Nacht ein Gefühl von Sicherheit gibt. Die Verkehrsteilnehmenden bewegen sich in einer ähnlichen Geschwindigkeit und überall gibt es freie Flächen als Raum für soziale Begegnung und Kommunikation. Das Leben spielt sich wieder auf der Straße ab. Die Menschen müssen auf den Straßen nicht mehr schreien, sondern reden und lachen miteinander. Man hört das Zwitschern der Vögel in den Bäumen und das klappernde Geschirr aus den Kaffeehäusern. Immer mehr Cafés fungieren als öffentliche Co-Working-Spaces. Denn auch die Arbeit ist – genau wie die Energiewelt – vernetzt, dezentral und flexibel. Wohnen und Arbeiten sind nicht mehr zwei unterschiedliche Dinge, sondern gehen mehr und mehr zusammen. Die täglichen Wege werden zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV zurückgelegt. Intelligente Technik verknüpft jegliche Mobilitätsdienstleistungen klug miteinander. Der Raum, der früher durch Autos besetzt war, steht nun Menschen zur Verfügung. Die „menschengerechte Städte“ vereinen ein gesundes, grünes, friedliches gemeinschaftliches Leben mit wenig Lärm, Staus, Feinstaub oder Emissionen. Die Stadt von Morgen, ist vielfältig, umweltschonend mobil, ruhig, grün und durchmischt. Kurze Wege, Grünanlagen, Fahrradwege, kurz getaktete Bahnen und Elektrobusse; und wer ein Auto braucht, kann ein leises und emissionsfreies Elektroauto leihen.

Das klingt alles völlig utopisch? Ist es aber nicht!

In kürzester Zeit ist ein vollständiger Wandel möglich. Der Umstieg von der Pferdekutsche hin zum Automobil hat nur wenige Jahre gedauert. Dies zeigen Fotos, die bei einer Osterparade auf der Fifth Avenue in New York aufgenommen wurden: Im Jahr 1900 war sie voller Pferdekutschen, 10 Jahre später voller Automobile. Dass es in kürzester Zeit durchaus möglich ist, einen vollständigen Wandel herbeizuführen, erleben wir auch aktuell im Corona-Stresstest. Bürgerinnen und Bürger zeigen sich derzeit in sehr viel stärkerem Ausmaß bereit, neue Wege zu gehen als mancher gedacht hätte. Technische Innovationen werden wohlwollend akzeptiert. Neue Kultur- und Arbeitstechniken beim Shopping oder im Homeoffice werden erlernt, die Gesellschaft zeigt bewundernswert steile Lernkurven.
Genauso kann es auch angesichts der wachsenden Klimakrise funktionieren. Überall sprießen die Initiativen für Zukunft, für Umwelt- und Klimaschutz, für erneuerbare Energien, für nachhaltige Unternehmen, Schulen etc. wie Pilze aus dem Boden. Sie alle treiben die Ungeduld mit der Politik und der Wunsch, aufzuklären, zu motivieren und den fossilen Stier endlich bei den Hörnern zu packen. Ich bin froh und dankbar, Teil dieser globalen Bewegung zu sein.

Uns alle verbindet dieselbe Vision: Raus aus der fossilen Welt, rein in die erneuerbare/generationengerechte Zukunft! Es ist Zeit, aufzuräumen, im Kleinen wie im Großen. Wenn wir jetzt richtig durchstarten, unbeirrt loslegen und das Heft des Handelns in die Hand nehmen, dann könnte Deutschland – mit Rückenwind aus Brüssel – endlich wieder eine Vorreiterrolle im internationalen Klimaschutz übernehmen. Dann könnte das Jahr 2021, in dem der unumkehrbare Klimaschutz begonnen hat, als »Tipping Point« in die Geschichte eingehen. Dann hätten wir wirklich etwas bewirkt. Die Zukunft, die uns schon in etwa 30 Jahren erwartet, wird divers und resilient sein, grün und zirkulär, dezentral, vernetzt, intelligent und partizipativ, gesünder, gesellschaftlicher und glücklicher. Lasst uns gemeinsam dafür eintreten!

Zur Autorin: Claudia Kemfert ist Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sowie Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie ist Teil des Sachverständigenrat für Umweltfragen beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und schreibt über das Klima.

7 Kommentare zu „Prof. Kemfert, wie sieht eine klimagerechte Zukunft aus?

  1. Schöne Vision. Eine Welt ohne Abfälle.
    Eine vernüftige Welt mit Zukunft.
    Eine Welt in der Politiker ihren Job F Ü R die Menschen machen.

  2. „Vor der Tagesschau sehen wir dann keine Börsenkurse mehr, sondern erfahren die Indikatoren der Nachhaltigkeit unseres Planeten: Ressourcenverbrauch, die Sauberkeit der Luft oder den Anteil erneuerbarer Energien.“

    Ein Zitat, das ich aus vielen erwähnenswerten herausgreife, weil mir regelmäßig schlecht wird, wenn ich mal wieder mit Börsenkursen und Live-Schaltungen zur Börse genervt werde. Mal ehrlich: „WER WILL DAS?“

    Eines von vielen Beispielen, wie sehr die Medien – ja, auch die öffentlich-rechtlichen – im eigenen Saft schmoren, völlig an den Interessen der Zuschauenden vorbei. FIFA und Olympia (mitten in der Pandemie …) wären da noch zu erwähnen.

    Insgesamt schätze ich Claudia Kemfert sehr, und die Sichtweise, Chancen im Vordergrund zu sehen, die sie übrigens mit Sven Plöger teilt, gefällt mir gut!

    Was ich jedoch bedauere, ist die einschränkende Haltung zu einem umfassenden, weltweiten Wasserstoffkreislauf, Individualverkehr inklusive. Nein, nicht „H2-Karbonsierung“ ist mein Stichwort, denn die ist geradezu lächerlich ineffizient! Was ich meine ist: Elektrolyse & Brennstoffzellen.

    Unter Einbeziehung sonnenreicher und ansonsten teils sehr armer Länder lassen sich mit H2 so viele Energie- und Umweltprobleme lösen, dass ich es für fatal halte, nicht umgehend ein globales Großprojekt dazu zu starten. Auf Batterien zu setzen ist ein ganz großer und sehr umweltschädlicher Irrweg! Wie schon viele Male zuvor, haben wir auch damit wieder viele der Schwächsten auf dem Gewissen, statt sie einzubeziehen und teilhaben zu lassen!

    H2-Kreislauf plus Cradle-to-Cradle, und die Welt hat eine tolle Zukunft!

    Leider wird das unter anderem mit dem Argument zerredet, dass daran verdient wird. Na und? An Batterien und Elektroautos etwa nicht? Leute, lasst uns mit solchen Debatten keine Zeit verlieren! Plakativ gesagt: Wenn texanische Ölbohrer, die heute reich sind, auch morgen noch reich sind, weil sie dann Elektrolyse betreiben, soll es mir recht sein! Wir haben keine Zeit zu verlieren!

    Saubere Kreisläufe nach dem Vorbild der Natur sind unsere einzige Rettung! Wir dürfen nicht schon wieder Raubbau betreiben und Müll produzieren! Genau das tun wir aber, wenn wir auf Batterien und Ladestationen setzen!

    Adaptieren wir also bitte Claudia Kemferts fröhlichen Optimismus auf entsprechende globale Projekte! Wir können sie initiieren, hier und jetzt!

    Auch ich habe etwas (nein, sehr viel mehr als „etwas“!) dagegen, dass Menschen unverschämt reich werden können, aber lasst uns bitte zuerst das Umwelt- und Klimaproblem lösen! Das aktuelle, teilweise echt schäbige System können wir dazu nutzen! Das ist deutlich positiver, als es so weiter zu nutzen wie bisher! Mit der Verteilungsfrage sollten wir uns erst im zweiten Schritt befassen! Das Klima wartet nicht auf uns!

    LG Armin

  3. Die Idee mit der blauen Plakette gibt es doch schon länger. Warum hat sich diese als Rahmen und Anreiz noch immer nicht durchgesetzt?

  4. Ja! Und wir müssen nichtmal 100 Jahre zurück auf die 5th Avenue schauen. Schon das EEG der RG Regierung in den Nullerjahren hat den weltweiten Markt für regenerative Energieerzeugung revolutioniert, und FDP Minister Rösler, SPD Minister Gabriel, CDU Minister Altmeier und die CSU haben 10 Jahre gebraucht, seine positiven Effekte zu negieren und die Dynamik nach China zu verdrängen.

  5. Habe seit 01.07. 2021 meinen Vortrag zum Thema
    „Klimawandel durch CO2-Emissionen – Herausforderung für Automobilindustrie und Energiewende“
    als Youtube-Video (84 min) veröffentlicht (siehe Link in blau) und bereits viele positive Rückmeldungen erhalten.

    https://www.youtube.com/watch?v=NrdgPlNO080

    Die Äußerungen von Frau Kemfert (DIW) zur erneuerbaren Energie bei Markus Lanz am 06.05.2021 haben mich schockiert, wütend gemacht und letztlich zur Aufklärung der betreffenden Fehleinschätzungen motiviert und veranlasst! Die DIW-Ignoranz der „Dunkelflaute“ bei den erneuerbaren Energien von „Sonne und Wind“ bringen mich auch jetzt noch auf die Palme!
    Damit keine Missverständnisse entstehen: Auch ich bin für einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien!

    Machen Sie sich selbst ein Bild zu meinem Versuch der „Aufklärung“ zur „Dunkelflaute“ , zum Strombedarf der mehr als 10 Mill. E-Fahrzeuge 2030 und später sowie zu anderen wichtigen Themen des Klimawandels durch CO2 -Emissionen, des Automobils und der Energiewende!

  6. Super Vision.
    Aber offenbar ist weder die bedrohliche Lage in den meisten Köpfen angekommen noch solche Visionen. Sonst sähen die Wahlumfragen anders aus. Und Projekte die dieses ändern könnten, finden kein Gehör und keine Partner. Leider bisher auch nicht bei FFF.

  7. Reicht das? 2040 Reduktion um 50 %?
    Das IPCC-Budget für die 1,5 Grad-Grenze mit 2/3-Wahrscheinlichkeit waren 420 Gt CO2 ab 2018. Wenn die aktuellen Emissionen von ungefähr 42 Gt CO2 pro Jahr konstant bleiben würden, wäre das Budget innerhalb von 10 Jahren komplett aufgebraucht – und 4 Jahre (2018-2021) davon sind schon vorbei. Wenn man ab heute eine lineare Reduktion annimmt, dann könnte man die Zeit von 6 Jahren auf 12 Jahre verdoppeln, also Klimaneutralität im Jahr 2034 – lineare Reduktion vorausgesetzt!

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