Sarah, warum ist eine geschlechtergerechte Welt auch klimafreundlicher?

Alle sind von der Klimakrise betroffen. Wirklich alle. Aber nicht alle Menschen haben gleich zu ihr beigetragen. Und vor allem sind nicht alle von ihren Auswirkungen gleich betroffen. Das zeigt sich besonders stark, wenn der Zusammenhang von Geschlechterverhältnissen und Klimakrise betrachtet wird. Deshalb engagiert sich Sarah bei „GenderCC – Women for Climate Justice e.V.“, einem Netzwerk aus Organisationen, Expert*innen und Aktivist*innen aus aller Welt, die sich zusammengeschlossen haben, um gemeinsam für eine geschlechtergerechte Klimapolitik zu kämpfen. Im zwölften Teil der Artikelreihe „Sommer der Utopien“ berichtet sie von ihrer Arbeit, ihren Zielen und klärt auch die Frage, warum manche Menschen überhaupt stärker von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen sind, als andere.

Die Klimakrise geht uns alle an. Aber wir tragen nicht alle gleichermaßen zu ihr bei und wir sind nicht alle gleich von ihren Auswirkungen betroffen. Meist verhalten sich Frauen*/FLINTA* (im Folgenden verwendet; bedeutet: ‚Frauen, Lesben, Inter-, Non-Binary-, Trans-Personen, Agender‘), Personen aus dem politischen Globalen Süden und Menschen mit geringerem Einkommen weniger klimaschädlich, leiden aber mehr unter den Folgen der Klimakrise. Auch klimapolitische Maßnahmen haben unterschiedliche Auswirkungen: etwa profitieren Menschen mit höherem Einkommen oft stärker von Fördergeldern für klimafreundliches Verhalten. Wir fordern deshalb, dass klimapolitische Maßnahmen sozial und gendergerecht gestaltet werden.

Wir setzen uns dafür ein, dass alle Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters sowie ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten – gleichermaßen an einer Lösung der Klimakrise beteiligt sein und von gesetzlich beschlossenen klimapolitischen Maßnahmen profitieren können. Aktuell ist es so, dass viele Gesetze und Maßnahmenprogramme, die erlassen werden, nicht alle Menschen gleichermaßen im Blick haben, bzw. bestehende Privilegien (zum Beispiel von Besserverdienenden) nicht in Frage stellen. Das verstärkt bestehende soziale Ungerechtigkeiten sowohl in Deutschland als auch weltweit. Wir fordern, dass entsprechende Daten erhoben werden, aus denen hervorgeht, wie sich Gesetze auf unterschiedliche Gruppen (disaggregiert nach Geschlecht, aber auch nach anderen Faktoren) auswirken. Klimapolitische Maßnahmen, sollten nicht dazu beitragen, bestehende Ungleichheiten beizubehalten oder gar zu verstärken, sondern diese gleichzeitig abmildern.

Im Bereich Verkehr und Mobilität könnte das so aussehen, dass es kein ‚Dienstwagenprivileg‘ mehr gibt, sondern eine ‚Mobilitätsgarantie‘ für alle. Zum Beispiel nutzen FLINTA* in der Stadt mehr öffentliche Verkehrsmittel und legen mehr Wege zu Fuß zurück. Wenn Fußwege, Bus, Tram und Bahn an den Bedarfen von FLINTA* ausgerichtet werden, also z.B. sicherer, zugänglicher und kostengünstiger (bzw. kostenlos) sind, dann profitieren alle Menschen in der Stadt davon und können sich klimafreundlicher fortbewegen. Bei der Mobilitätsplanung sollte außerdem den komplexeren Wegeketten von Personen, die Sorgearbeit nachgehen, Rechnung getragen werden – das sind auch aktuell mehr FLINTA* als Cis-Männer. Die Stadt Leipzig bietet bereits ein kostenloses ÖPNV-Ticket für Personen an, die ein Baby im ersten Lebensjahr betreuen – häufig sind es FLINTA*, die davon profitieren, aber eben auch Cis-Männer, wenn sie Elternzeit nehmen. Berlin bietet mittlerweile kostenlosen ÖPNV für Schüler*innen an. Ideal wäre es, wenn öffentlicher Nahverkehr für alle Menschen kostenlos oder zumindest sehr viel kostengünstiger wäre. Ein weiteres Thema sind Fußgänger*innen. Sie sollten genauso im Fokus einer klimafreundlichen Verkehrswende stehen wie Fahrradfahrende. Bei der Planung von zum Beispiel Radschnellwegen in der Stadt sollte berücksichtigt werden, inwieweit Fußgänger*innen von diesen beeinträchtigt werden können und eine Vereinbarkeit von Rad- und Fußwegen planerisch umgesetzt werden.

Auch beim Thema CO2-Preis stellen sich Fragen der (Geschlechter-)Gerechtigkeit. Momentan wird ein Ausgleich z.B. für autofahrende Pendler*innen geschaffen – überwiegend sind das gut verdienende Cis-Männer. Statt dieser Einzelmaßnahmen wäre es besser zu ermitteln, wie sich der CO2-Preis auf Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen auswirkt. Wenn Personen Kinder großziehen oder gar alleinerziehend sind, wenn sie über ein geringes Einkommen oder eine niedrige Rente verfügen, dann sollte insbesondere für sie ein Ausgleich zu steigenden Lebenskosten (z.B. Energie/ Nahrungsmittel) geschaffen werden. Ganz allgemein gesprochen ist in Hinblick auf die Klimakrise auch Reichtum (an Geld) eines der Hauptprobleme. Denn je mehr eine Person verdient, desto höher ist auch ihr CO2-Fußabdruck. Diese Art von Reichtum umzuverteilen, trägt zu einer klimafreundlicheren und gleichzeitig gerechteren Gesellschaft bei.

Ich wünsche mir von der Politik, dass bei der Ausgestaltung von klimapolitischen Maßnahmen alle Menschen gleichermaßen mitgedacht werden. Je mehr unterschiedliche Gruppen an einer Maßnahme mitarbeiten, desto mehr Perspektiven werden von vorneherein mitgedacht. Das macht Klimapolitik effektiver und gerechter. Klimapolitische Maßnahmen können z.B. einem Gender-Check unterzogen werden. Dabei wird im Vorfeld untersucht, inwiefern sich Maßnahmen der Klimapolitik auf die verschiedenen Geschlechter auswirken. Klimapolitik kann so nicht nur bewirken, dass wir die Klimakrise bewältigen, sondern auch, dass unsere Gesellschaft ein Stück weit gerechter wird. Umgekehrt ist eine geschlechtergerechte Politik nicht nur gut für Menschen aller Gender, sondern zugleich auch klimafreundlicher. Ihr könnt euch informieren und euch – unabhänig von eurem Gender und eurer sexuellen Orientierung – für queer-feministische Positionen innerhalb der Klimapolitik einsetzen. 

Zur Autorin: Mein Name ist Sarah (Pronomen: sie/ ihr), ich bin 43 Jahre alt und ich engagiere mich für Geschlechter- und Klimagerechtigkeit. Beide Themen sind nicht neu, aber als ich vor einigen Jahren einen Artikel las, bei dem es um die Verbindung von Genderfragen und der Klimakrise ging, fand ich das sehr spannend und wollte mich mehr damit beschäftigen. Seit etwas mehr als zwei Jahren arbeite ich bei dem internationalen Netzwerk ‚GenderCC-Women for Climate Justice‘ in Berlin und bin darüber hinaus auch noch an anderen Orten ehrenamtlich engagiert für eine gerechtere und klimafreundlichere Welt.

2 Kommentare zu „Sarah, warum ist eine geschlechtergerechte Welt auch klimafreundlicher?

  1. Interessanter Beitrag!
    Die Preiserhöhung der Deutschen Bahn passt gar nicht zum Klimawandel. Ein Skandal! Ohnehin schon teuer, … – jetzt verstehe ich die Autofahrer!
    Und kein Dienstwagen oder ähnliche klimafeindliche Vergünstigung, der meinen Frust lindert! Die staatliche Förderung der Klimazerstörung muß aufhören. Autofahrer sollen Bahn fahren oder selber bezahlen.

  2. Ich bin der Meinung, ALLES, was unsere Welt gerechter macht, ist gleichzeitig auch klimafreundlicher. Leider sind wir weiter davon entfernt, als man sich träumen lassen möchte.
    Dazu gehört für mich aber auch, dass, solange wir als entwickelte Länder den Entwicklungsländern einen Wohlstand+Luxus vorspielen, den diese Welt nicht verkraftet, diesen auch mal reduzieren müssen, so dass andere nachziehen können. Aber das will KEINER hören.
    Ich schaue tagtäglich auf die Straßen, und sehe, dass unser Stromhunger noch immer zunimmt. Mehr E-Autos, mehr E-Roller, mehr E-Bikes und selbst Kinder fahren jetzt schon Pedelecs. Was soll das? Kinder sollen sich austoben, brauchen Muskeln und Bewegung!
    Und die Industrie kämpft schon jetzt mit instabilen Stromnetzen.

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