Ein Ort, an dem ich glücklich und hoffnungsvoll bin – Gastartikel aus dem Danni

Lene ist FridaysForFuture-Aktivistin im Dannenröder Wald. Hier erzählt sie von ihrem Alltag im Wald, von ihren Erlebnissen und Motivationen – und von einem intakten Ökosystem, das für den Bau einer Autobahn zerstört werden soll.

Freundschaft. Freiheit. Solidarität. Das sind die Dinge, die ich im Danni erleben darf. Eine Utopie, in der Menschen zusammenleben und aufeinander acht geben. Es sind Gefühle wie Glück, Liebe und Hoffnung, die mich durchströmen und mein Herz zum Bersten bringen, wenn ich an meine Zeit an diesem wundervollen Ort denke.

Ich war im Juni zum ersten Mal im Danni und habe das Waldleben kennengelernt. Ich habe Teile meiner Sommerferien im Wald verbracht, meine gesamten Herbstferien im Camp geschlafen und fast jedes Wochenende, an dem ich irgendwie Zeit hatte, habe ich meine Sachen gepackt, um in den Danni zu fahren.

Ich habe das Waldleben erlebt, das Campleben gelebt und würde am liebsten nie mehr diesen Ort verlassen, der mir so viel gegeben hat. Der Moment, wenn ich in Stadtallendorf ankomme oder Dannenrod erblicke, fühlt sich mittlerweile an, wie nachhause kommen und das ist es auch. Ein Freund sagte, dass der Danni für ihn Heimat ist, denn dort ist er glücklich und so geht es mir auch. Zuhause ist da, wo dein Herz ist.

Als wir zum ersten Mal den Danni besucht haben, haben wir an der Mahnwache geschlafen und als wir morgens dabei waren zu frühstücken, kamen mehrere Dorfbewohner:innen aus Dannenrod, die sich bei der Bürger:innen-Initiative gegen die A49, seit 40 Jahren engagieren und sie brachten uns Kaffee, Tee und Brötchen. 

Diese Gesten der Aufmerksamkeit zeigten uns so sehr die Unterstützung der Bürger:innen vor Ort, die so dankbar dafür sind, dass junge Menschen ihren lebenslangen Kampf fortführen. „Wenn diese Autobahn gebaut wird, habe ich das Gefühl, in meinem Leben nichts erreicht zu haben“, dieser Satz, den ein älterer Herr zu mir sagte, traf mich tief und lässt meine Entschlossenheit, für diesen Wald zu kämpfen, immer wieder erstarken.

Ob im Camp oder im Wald, an beiden Orten erlebt man magische Momente und tolle Menschen, die auf schönste Art zusammenleben. Der Zusammenhalt ist groß und es ist beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen für das selbe Ziel kämpfen, nämlich den Erhalt dieses wunderschönen Waldes.

Die Gesellschaftsform, die gelebt wird ist Anarchie, denn es gibt keine Regeln und jeder kann machen, worauf er Lust hat und es funktioniert. Denn die Menschen halten sich alle an ungeschriebene Richtlinien, die jedoch nicht als solche wahrgenommen werden, sondern eher als Selbstverständlichkeit. Zum Beispiel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Von Anfang an war es beeindruckend, was Menschen schaffen können, wenn sie nur genug Zeit und Motivation haben. Jedes Baumhaus, jede Barrikade, alles scheint ein Kunstwerk zu sein und wenn man durch den Wald läuft, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. 

Der Danni hat mir mehr gegeben als alles andere, was ich jemals erlebt habe. Bei langen Spaziergängen durch den Wald, habe ich gelernt mit mir alleine zu sein. Durch die Menschen um mich herum, habe ich gelernt ich selbst zu sein und durch die große Thematik der Awareness (also Achtsamkeit) habe ich gelernt, sensibler für die Bedürfnisse anderer zu sein. Dazu gehört es, dass man Menschen als Menschen bezeichnet und nicht als Mann oder Frau, solange man ihr Pronomen nicht kennt, dazu gehört es, toxische Männlichkeit zu erkennen und zu kritisieren und dazu gehört es auch, Menschen, denen es nicht gut geht, zu fragen, ob sie eine Umarmung brauchen oder vielleicht auch jemanden, der ihnen zuhört.

Gerade dieser letzte Punkt, ist besonders wichtig und akut geworden, seit die Räumungen und Rodungen im Danni, Herri und Mauli begonnen haben. Denn seit jenem Tag im Oktober, als die erste Struktur geräumt und der erste Baum gefallen ist, erleben Menschen täglich Polizeigewalt, die Willkür der Polizei und andere traumatisierende Erlebnisse, wie z.B. den Verlust eines Zuhauses und die Zerstörung von uralten Bäumen und unserer Umwelt.

Wer eine alte Eiche fallen sieht, dem fällt es schwer nicht zu weinen, besonders wenn eine persönliche Bindung zu dem Baum besteht, beispielsweise durch eine Struktur in seiner Krone. Wer den Tag auf einem Baum verbracht hat, ihn mit dem eigenen Leben geschützt hat, wer von einem Baum geräumt wurde und festgenommen wurde, wer acht Stunden von Polizist:innen bearbeitet wurde, um die Identität festzustellen und wer dann zurück ins Camp kommt, dem geht es nicht gut und dieser Mensch braucht vielleicht eine Umarmung, Tee und ein Gespräch unter Gleichgesinnten. 

Dafür gibt es mittlerweile eine ganze Awarenessstruktur im Camp. Jeder einzelne von uns, der vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben in dieser Form Kontakt mit der Polizei hat, beginnt zu zweifeln. Wer einmal die Willkür der Polizei erlebt hat, z.B. mitgenommen zu werden, obwohl man nur zugesehen hat, der sieht unseren Staat mit anderen Augen. Wer einmal die Machtlosigkeit gegenüber dem unkontrollierten Gewaltmonopol erlebt hat, der fängt an zu zweifeln.

Im Danni werden viele Diskussionen geführt, über Staatsformen, Utopien, über Gewalt und auch über die Polizei. Und nach allem, was ich persönlich erlebt habe, kann ich auf jeden Fall sagen, dass es eine, die Polizei kontrollierende Instanz braucht, eine ermittelnde Instanz.

Denn in den letzten Tagen haben Polizisten Menschenleben riskiert und ein Mensch ist aufgrund von rücksichtslosen Aktionen der Polizei auf der Intensivstation gelandet und hätte der schuldige Polizist den Fehler nicht eingestanden, dann wären die „Ermittlungen“ zu keinem Ergebnis gekommen.

Schon vor Beginn der Räumungen habe ich durch meine Erfahrungen im Danni viel über einen Systemwandel nachgedacht, denn es ist beeindruckend zu sehen, was Menschen alles schaffen, wenn sie es auf freiwilliger Basis tun. 

Natürlich gibt es auch im Danni Aufgaben, die erfüllt werden müssen, aber jeder kann sich einbringen, wo er möchte. Die Aufgaben, die einen Zuständigen brauchen, werden täglich in Plena an Freiwillige verteilt.

In jedem Barrio (=Baumhausdorf) gibt es ein eigenes Plenum. Bevor die Waldbesetzung so groß war und bevor es das Camp gab, zentrierte sich das Waldleben in dem Barrio Oben, wo das abendliche Plenum, die speedyround, stattfand. Dort wurde beispielsweise geklärt, wer containern gehen würde und wer am nächsten Tag kocht. Außerdem wurden Projekte für den nächsten Tag vorgestellt und auf diese Weise unterstützende Menschen gefunden. Aber auch skillshares, also Workshops, die jeder, der eine Fähigkeit oder Wissen zu teilen hatte, anbieten konnte, wurden und werden in der speedyround angekündigt.

Durch die Entwicklung der Besetzung und des Camps, hat sich die Hauptversorgung auf die Küfa (Küche für alle) verlagert und da sich Containern für die Menschenmengen nicht lohnt, wird mittlerweile auf Spenden gesetzt, bei denen es sich aber größtenteils trotzdem um Essen handelt, das weggeworfen oder an Tiere verfüttert werden würde.

Wenn ich im Camp bin und nicht gerade am Infopoint sitze oder die Räumung verfolge, ist Küfa immer ein Ort, an dem man sich gut einbringen kann. Denn „ohne Mampf kein Kampf“. Der Danni hat mir eine alternative Lebensform gezeigt, die zugegebenermaßen, vor allem mit den richtigen Menschen funktioniert. 

Der Danni hat mir eine andere Sicht auf unser aktuelles System gegeben, besonders im Hinblick auf Konsum und Polizei. Der Danni hat mir einen Ort gegeben, an dem ich glücklich und hoffnungsvoll bin, denn ich sehe, dass ich mit meinen Gedanken, Sorgen und Ängsten nicht alleine bin. Der Danni hat mir vieles gegeben, was ich mir niemals hätte erträumen lassen können.

Der Dannenröder Forst ist ein 300 Jahre alter, gesunder Mischwald und es ist absurd, dass dieser wundervolle Wald für ein überflüssiges, veraltetes Verkehrsprojekt, die A49, gerodet werden soll.

Es ist verantwortungslos, dass ein solches Ökosystem in Zeiten des Klimawandels und Baumsterbens zerstört werden soll und dabei die Verschmutzung von Trinkwasser in Kauf genommen wird.

Deshalb werde ich für den Danni kämpfen! 

Bis zum letzten Baum.

5 Kommentare zu „Ein Ort, an dem ich glücklich und hoffnungsvoll bin – Gastartikel aus dem Danni

  1. Die Zerstörung der Natur geht weiter, statt ihr mehr Raum zu geben. = Das ignorieren des Klimawandels geht weiter.
    Autos entsorgen, statt Straßen bauen!
    Beim geplanten Ausbau der B96 wird bestimmt auch viel Wald und Natur platt gemacht.
    Gibt es in den Ämtern keine verantwortungsbewußten Menschen, die diesen Wahnsinn blockieren?
    Edward Snowden hat bewiesen, daß er ein Gewissen hat.
    Gibt es an wichtigen Stellen keine Menschen mit Gewissen?

  2. Ein wunderschöner Bericht, der einem einlädt und mitnimmt, die Natur und die Menschen in den Baumhäusern zu verstehen und immer wieder und immer mehr zu lieben.

  3. Danke!!!
    Ich werde es meinen Schüler*innen der 10ten Klasse vorlesen und Fotos aus dem Danni dabei in Dauerschleife laufen lassen – als Einleitung und Motivation für das nächste Kunstprojekt.
    Wenn Du, Lene, diesen Text vielleicht noch vorlesen und zum Download anbieten möchtest, wäre es bestimmt noch eindringlicher 🙂
    Love and Rage,
    Clemens Pasch

  4. Ich lebe seit 5 Jahren praktisch klimaneutral. Wärmegedämmte kleine Wohnung, Fernwärme aus Geothermie, nur 300 kWh Ökostrom/Jahr, regionale vegane Lebensmittel, 90 % meiner Mobilitätskilometer zu Fuß und mit Fahrrad, kaufe das meiste gebraucht usw.

    Warum fühlt es sich nicht gut an? Ich fühle mich trotzdem ständig gehetzt und gestresst und danken tut’s einem auch niemand. Ich erwäge, zur Standard-Lebensweise zurückzukehren.

    1. Weil es zu wenige nachen. Radfahren und zu Fuß gehen ist in einer Auto-Umwelt meist nicht angenehm. Hier fehlen Gesetze, die dafür Sorgen, daß Autofahren sich nicht gut anfühlt. (ginge so: Teuer, keine Parkmöglichkeiten, wenige Straßen auf denen gefahren werden darf, sehr unbequem, meist viel langsamer als mit dem Fahrrad, viele Autofreie grüne Strecke für Fußgänger und Radfahrer,..)

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