Dr. Eckart von Hirschhausen, in welcher Welt willst Du leben?

Für Dr. Eckart von Hirschhausen ist klar: gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. Deshalb beschreibt er in Teil 13 unserer „Sommer der Utopien“-Reihe seine Utopie einer besseren Welt. Einer Welt in der er leben möchte. Dazu liefert er nicht nur hoffnungsvolle Gedanken, sondern auch konkrete Zukunftsbausteine für das Jahr 2030. Sein Beitrag ist in etwas abgewandelter Form auch in dem Buch „Zukunftsrepublik: 80 Vorausdenker*innen springen in das Jahr 2030“ des Campus Verlags erschienen. 

Wo sitzt du gerade, während du das hier liest? Hast du einen kühlen Kopf? Den werden wir alle brauchen, um der größten Gesundheitsgefahr im 21. Jahrhundert etwas entgegenzusetzen: der Klimakrise. Mit jedem Hitzesommer wird es klarer: die Klimakrise bedroht unsere Gesundheit, weltweit und in Deutschland, sie betrifft uns heute und erst recht in Zukunft. Gegen hohe Temperaturen, verdreckte Luft und die Zunahme von Allergien und Infektionskrankheiten gibt es keine Tablette oder Impfung, keine Operation und kein Versteck. Stattdessen brauchen wir saubere Luft zum Atmen, genug Wasser, etwas Gesundes zu Essen und erträgliche Temperaturen. Und alle diese Grundlagen sind in Gefahr. Es ist höchste Zeit darauf hinzuweisen: Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. 

Bis 2030 wird sich entschieden haben, ob diese Erde für Menschen überhaupt dauerhaft bewohnbar bleibt. Ich wünsche mir das sehr, für mich, meine Familie und alle zukünftigen Generationen, die auf das Jahr 2021 zurückschauen werden und sich fragen: sie wussten alles, sie hatten das Geld und die Technik, wofür haben sie sich eingesetzt? Und wie ist die Transformation gelungen? 2021, spätestens mit der Flutkatastrophe in Westdeutschland, hätte jedem klar sein müssen, dass wir einen entscheidenden Faktor der menschlichen Gesundheit ausgeblendet haben: unser tiefes Verwobensein mit Mutter Erde, mit den Kräften der Natur und der Physik. Wir haben rücksichtslos planetare Grenzen überschritten, indem wir an einem einzigen Tag die Menge an fossilen Brennstoffen verfeuert haben, die Mutter Erde in 1000 Jahren Erdgeschichte mühselig gebildet hat. Wir haben gedacht, dass die Atmosphäre als Müllhalde alles schlucken und verdünnen würde, dabei ist die Atmosphäre eine hauchdünne atmende Schicht zwischen uns und dem Weltall, dünner als die Haut von einem Apfel, unser Mantel des Lebens. Gott sei Dank haben genug Menschen kapiert, dass wir uns durch den Treibhauseffekt mit jeder Tonne C02 in den Schwitzkasten nehmen und uns damit selber die Luft abdrücken. 2020 haben 9 von 10 Menschen auf der Erde dreckige Luft eingeatmet. Über acht Millionen sind jedes Jahr daran gestorben. Und als das Corona-Virus kam, sind die Menschen, die in den Orten mit der dreckigsten Luft gelebt haben, doppelt geschädigt worden. Es brauchte die Klarheit von Kindern und Jugendlichen der Fridays for Future-Bewegung, um die Absurdität der Situation aufzuzeigen. So wie in dem Märchen »Des Kaisers neue Kleider« wurde 193 immer mehr Wirtschaftsführern klar, wie nackt sie dastehen vor der Verantwortung, die Lebensbedingungen zu sichern. Wenn im Körper etwas dauerhaft wächst, ist das Krebs. Der Gedanke, andauernden Wirtschaftswachstums ist auf einem endlichen Planeten selbstmörderischer Quatsch. Ich möchte in einer Welt leben, in der das alle wissen und sich auf die Dinge konzentrieren, die glücklich machen – und das sind meistens keine Dinge. In dieser Welt haben alle kapiert, dass es gesunde Menschen nur auf einer gesunden Erde gibt. Es gibt internationale Organisationen, die über die Einhaltung der planetaren Grenzen wachen. Keiner glaubt mehr daran, dass sich Krankheitserreger durch Ländergrenzen oder durch Einkommensunterschiede beeindrucken lassen. »One Health« bedeutet, je mehr Menschen es auf der Erde gutgeht, desto besser geht es auch uns in Deutschland. Deshalb transferieren wir Wissen, Technologie und Geld massiv in andere Länder, weil uns unser ganzer Reichtum ja nichts nutzt, wenn Millionen Menschen heimatlos werden und Kriege um Wasser, Essen und Lebensraum die ganze Zivilisation destabilisiert, inklusive Europa. Ein wichtiger Schlüssel dabei ist die Bildung von Mädchen und Frauen. Ich stelle mir vor, dass alle Mädchen weltweit in die Schule gehen, dadurch andere Berufsperspektiven bekommen, Land besser bewirtschaften. Ich habe kürzlich erst verstanden, welch riesiges Treibhausgas-Einsparpotential in der Bildung v.a. von Kleinbäuerinnen liegt. Wenn man alle sekundären Effekte mitberechnet, können wir bis 2050 120 Giga Tonnen Treibhausgase einsparen, weil Frauen mit Know-How und technischen Wissen, die Flächen effizienter nutzen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt, mehr Bildung führt dazu, dass Frauen aktiv entscheiden ob, wann und wie viele Kinder sie wollen und damit schaffen wir den zentralen Schritt zu einer stabilen und perspektivisch sinkenden Bevölkerung.

Außerdem gibt es eine globale Krankenversicherung, jeder Mensch hat über sein Smartphone Zugang zu Expert:innenwissen, egal, wo gerade medizinische Hilfe benötigt wird. Angehörige der Gesundheitsberufe gehören zu den vertrauenswürdigsten Mitgliedern der Gesellschaft. Um dieses Vertrauen im Anthropozän aufrechtzuerhalten, müssen die Angehörigen der Gesundheitsberufe die Auslegung von primum non nocere (zuerst keinen Schaden zufügen) ausweiten und die Vitalität des Planeten als Grundlage für das menschliche Wohlergehen betrachten. Die Gesundheitsberufe haben die Aufgabe, Leben zu schützen, Gesundheit zu fördern und dort, wo es nötig ist, unangenehme Wahrheiten zu vermitteln. Deshalb haben sie bis 2030 eine zentrale Rolle als geschulte Kommunikatoren und als Vermittler zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis. Wenn die Politik auf Virologen hören kann, kann sie auch auf Umweltmediziner:innen, Klimawissenschaftler:innen und Pflegefachkräfte hören. Bis 2030 haben wir unser Gesundheitswesen resilienter gemacht für die Anforderungen der Hitzewellen, neuer Infektionskrankheiten und Allergien. Denn was nutzt einem der ganze Hype um digitale Gesundheit, wenn die versammelten Server mit ihrem kolossalen Energie- und Ressourcenverbrauch und mit dreckigem Strom die Erde weiter aufheizen? Was nutzt uns die beste Präzisionsmedizin, wenn die Patient:innen aus einem klimatisierten Krankenhaus entlassen werden und vor der Tür herrschen 42 Grad? Es gibt kein Säugetier der Erde, das auf Dauer eine Kerntemperatur von über 41 Grad aushält. 2030 haben Menschen erkannt, dass Gesundheit als allererstes nicht in Tabletten, Operationen und Nahrungsergänzungsmitteln besteht. Gesundheit beginnt mit sauberer Luft zum Atmen, genug sauberem Wasser zum Trinken, genug pflanzenbasierter Nahrung, um satt zu werden, einem Dach über dem Kopf gegen die Extremwetterereignisse, die sich häufen, und einem Schutz vor der Hitze. 2030 ist das die oberste Priorität von nationaler und internationaler Gesundheitspolitik. Denn die Erde kann gut ohne Menschen – aber wir nicht ohne die Erde. Fazit: Mensch, Erde! Wir könnten es echt schön haben! 

MEINE ZUKUNFTSBAUSTEINE 

1. 2030 steht die Hälfte der Erde, also Land und Meere unter Naturschutz, weil alle Menschen kapiert haben, dass sie nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil von ihr sind. Durch die intakten Wälder wird der Planet gekühlt, beatmet und stabilisiert. Die intakten Ökosysteme bieten der Vielfalt der Arten genug Lebensraum. Die Wildtiere werden weder gejagt noch gehandelt noch gegessen und damit werden weitere Pandemien wie HIV, SARS, EBOLA und COVID-19 seltener statt häufiger.

2. 2030 leben die meisten Menschen in gesunden Städten, die sich an den Grundbedürfnissen von Menschen orientieren und nicht um Autos geplant und umgebaut wurden. Sie bewegen sich aus eigener Kraft auf Fahrrädern, mit kostenlosem öffentlichem Nahverkehr oder zu Fuß. Die Gebäude haben alle Solarpanels, sind rundum begrünt, es gibt genug Frischluftschneisen, um Hitzeinseln zu vermeiden, viele Grünflächen, Schwimmbäder und Parks zur gemeinsamen Erholung und Abkühlung. Und es gibt ein so reichhaltiges Kulturangebot, dass sich Menschen gerne vor Ort mit Musik, mit Theater, mit Kabarett und Kino beschäftigen, statt wie bekloppt durch die Gegend zu düsen, weil sie es mit sich nicht aushalten. 

3. 2030 hat sich die Menschheit darauf geeinigt, alle Reserven von fossiler Energie dort zu belassen, wo sie hingehören: im Boden. Dort wo sie Mutter Natur über Jahrmillionen sicher weggeschlossen hat. Die Atmosphäre beginnt sich zu erholen. Der Ausstieg aus Kohle und Atomstrom ist in Deutschland früher als geplant vollzogen. Deutschland ist wieder führend in Forschung, Entwicklung und Export der erneuerbaren Energien. 

4. 2030 stellen wir nur die Dinge her, die wir brauchen und schaffen steigende Lebensqualität bei sinkendem Ressourcenverbrauch. Dazu hat maßgeblich die C02-Umlage beigetragen, die 2030 bei 500 Euro pro Tonne liegt und damit einen verlässlichen Rahmen für nachhaltiges Wirtschaften geschaffen hat. 

5. 2030 sind Menschen gesünder als 2020, weil sie saubere Luft atmen, wenig Fleisch essen und damit auch weniger Übergewicht, Herzinfarkte und Schlaganfälle erleiden. Und vor allem sind die seelischen Erkrankungen zurückgegangen, weil sich Menschen ihr Leben nach übergeordnetem Sinn und Gemeinwohl ausrichten, statt nach kurzfristigem Profit und Eigennutz.

Über den Autor: Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist und Autor. Er hat die Scientists for Future mitgegründet und setzt sich mit seiner Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ dafür ein, die Zusammenhänge von Klimawandel, Umwelt und Gesundheit anschaulich zu machen. Kern der Stiftung ist eine Klimakommunikation, die die Menschen erreicht: lösungsorientiert, humorvoll, verständlich, beseelt, visionär. Denn gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten.

3 Kommentare zu „Dr. Eckart von Hirschhausen, in welcher Welt willst Du leben?

  1. Klasse!
    Nur ein Märchen oder unsere Zukunft? Politiker werden das entscheiden. Machen wir Ihnen Druck, damit sie das Richtige tun.

  2. Unsere Erde ist zu kostbar, sie allein politischen Kräften, der Einflussnahme
    von Wirtschaftsinteressen sowie Kurzsichtigkeit zu überlassen !

  3. Schöne Zukunftsträume, die eigentlich jeder normale Mensch teilen muss.

    Aber, lieber Ecki, was passiert mit Deinen Hoffnungen, wenn Du beim Discounter gut abgerundeten Menschen begegnest, die sich den Einkaufswagen mit Billigfleisch der Haltungsstufe 1 voll packen?

    Wie geht es Dir, wenn Du „Posern“ begegnest, oder Menschen, die einfach nur so mit laut knatternden Autos oder Motorrädern durch die Gegend flitzen?

    Bleibst Du optimistisch, wenn ein Herr Lindner von vielen jungen Leuten als Hoffnungsträger, auch in Sachen „Klimaschutz“, gesehen wird?

    Bleiben Deine Träume erhalten, wenn Du siehst, dass Demokratien in der Minderheit sind, und selbst die nicht schnell genug sind, um die Erwärmung erträglich zu halten?

    Ich finde, die globale menschliche Gesellschaft ist sehr, sehr krank!

    Nur wenn es gelingt, das gesamte Zusammenleben und Wirtschaften ganz neu zu organisieren, haben wir eine Chance. Das geht nur durch Überzeugen einer großen Mehrheit der Menschen.

    Sehr schwierig, wenn man sich anschaut, wie sehr Bildung und Wohlstand vernachlässigt wurden.

    Wer einen täglichen Überlebenskampf führt, bewegt sich in der Bedürfnispyramide ganz unten. Keine gute Basis, daran zu denken, was in Jahrzehnten sein wird!

    Wem die Schule weitgehend oder ganz versagt wurde, dem fehlt der nötige Zugang zu den recht komplexen Zusammenhängen, der zum Mindesten führen könnte: Einsicht.

    Der Weg ist verdammt weit! Wenigstens müsste mal ein kluger Kopf vor der Uno eine allseits beachtete Rede halten, die es – gerne sehr emotional! – schafft, die Menschheit wach zu rütteln!

    Dann müsste ein Projekt, ähnlich dem vor der amerikanischen Mondlandung, folgen, aber nicht mit dem Motiv, den Russen zuvorkommen zu müssen, sondern mit dem Motiv, dass wir alle eine große Familie sind und uns gemeinsam vor dem Untergang retten!

    Auch ein Zukunftstraum. Völlig daneben, ich weiß. Absolut unrealistisch, ich weiß.

    Nur: So wie bisher kann es leider überhaupt nicht klappen!

    LG Armin

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