Zeit für Klimagerechtigkeit #KeinGradWeiter – Teil II: Klimagerechtigkeit im globalen Kontext

Am 25.09. gehen wir weltweit auf die Straße und protestieren unter anderem für Klimagerechtigkeit – doch was bedeutet Klimagerechtigkeit in der Praxis? Damit setzen wir uns in einer Artikelreihe auseinander. In Teil I ging es um Klimagerechtigkeit und das Verursacherprinzip. Nun setzen wir uns damit auseinander, was Klimagerechtigkeit im globalen Kontext bedeutet.

Klimagerechtigkeit bedeutet gerechtere globale Beziehungen

Es sind vor allem Länder des Globalen Südens, die am stärksten von der Klimakatastrophe betroffen sind. Als Globaler Süden wird eine im globalen System wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich benachteiligte Position von Ländern und Menschen beschrieben. Globaler Norden ist die Bezeichnung für eine privilegierte Position, wie die der Industrieländer und gewisser Eliten. Die beiden Begriffe spiegeln die unterschiedlichen Erfahrungen mit Kolonialismus und Ausbeutung wider: erstere als die Ausgebeuteten, letztere als die Profitierenden von Ausbeutung.

Als Folge dieser Ausbeutung haben die Länder und Communities weniger Möglichkeiten, sich vor den Folgen der Erderwärmung, wie beispielsweise Überschwemmungen und Dürren zu schützen. Zudem sind ihre Infrastruktursysteme nicht resistent genug, die Konsequenzen wie z.B. erhöhte Gesundheitsgefahren für ältere und kranke Menschen abzufangen. Dazu kommt häufig noch eine geographische Lage, die sie besonders anfällig für Extremwetterphänomene macht.

Trägt man alle Schäden, die die Klimakrise bereits im Zeitraum von 1998 bis 2017 angerichtet hat zusammen, so sind unter den zehn am stärksten betroffenen Ländern acht Länder aus dem globalen Süden. Hinzu kommt, dass laut Schätzungen des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung IFAD, ca. 40% der globalen Bevölkerung in den ländlichen Gegenden von Ländern im sogenannten Globalen Süden leben. Für viele von ihnen ist die Landwirtschaft der tägliche Broterwerb. Durch die Klimakrise wird nicht nur ihre ökonomische Grundlage bedroht, sondern auch die Ernährungssicherheit.

Zunehmend müssen Menschen aufgrund der Klimakrise auch ihr Zuhause verlassen und wieder trifft es vor allem Menschen aus dem Globalen Süden. Laut dem Internal Displacement Monitoring Centre mussten 2018 17.2 Millionen Menschen ihr Zuhause aufgrund von Katastrophen verlassen. Auch langsame Veränderungen, wie die Versauerung der Ozeane, Wüstenbildung und die Erosion der Küsten haben eine direkte Auswirkung auf die Existenzgrundlage der Menschen und ihre Möglichkeit an ihrem Herkunftsort zu überleben. Die Weltbank sagt voraus, dass bis 2050 143 Millionen Menschen Binnenmigrant*innen werden, wenn es keine Handlung gegen den Klimawandel gibt.

Für Menschen im Globalen Süden ist die Klimakrise bereits jetzt Alltag. Mehr als 90% der Menschen in Chile, Kenia und Südafrika macht sich Sorgen wegen des Klimawandels – denn sie spüren die Folgen unignorierbar. Deshalb müssen wir jetzt alles tun, um die Erderwärmung unter 1,5°C zu begrenzen, wie viele der Länder des Globalen Südens es immer wieder ausdrücklich bei den internationalen Klimakonferenzen fordern, vor allem die pazifischen Inselstaaten, die sonst vom Untergehen betroffen wären. Darüber hinaus müssen die Länder des Globalen Nordens Verantwortung übernehmen für die Schäden, die die Erderwärmung in Ländern des Globalen Südens anrichtet. Dies bedeutet vor allem, globale Beziehungen gerechter zu gestalten, z.B. Handelsverträge so abzuschließen, dass global agierende Firmen nicht niedrigere Umwelt- und Sozialstandards ausnutzen können, aber auch finanzielle Entschädigung.

Auf der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen haben die Industriestaaten versprochen, dass sie bis 2020 die Mittel für Klimafinanzierung jährlich um 100 Milliarden Dollar heben und dann bis 2025 dieses Niveau halten wollen. Klimafinanzierung bezeichnet hier konkret die Gelder, die an den Globalen Süden fließen sollen, um die Lasten des Klimawandels zwischen den Ländern des Globalen Nordens und des Globalen Südens gerechter zu verteilen. Die Ziele dieser Klimafinanzierung sind die Unterstützung der Länder des globalen Südens bei der Vermeidung von Emissionen und dem Schutz des Regenwalds, ebenso bei nötigen Anpassungsmaßnahmen an die Folgen des Klimawandels.

Diese Gelder reichen allerdings bei weitem nicht, um die Kosten der Länder Globalen Südens, die sie zur Anpassung an den Klimawandel erbringen müssen, zu decken. Allein die Kosten der Anpassung an den Klimawandel in den Ländern des Globalen Südens könnten bis zur Jahrhundertmitte auf 520–790 Milliarden US-Dollar pro Jahr anwachsen – und auch dann würde nur ein Teil der ökonomischen Folgeschäden des Klimawandels vermieden, die 2050 in den Ländern des globalen Südens insgesamt 1,2-1,8 Billionen US-Dollar pro Jahr erreichen könnten. Die Industriestaaten kommen diesem Versprechen zudem mit recht wenig Motivation nach. Sie rechnen die Klimafinanzierung so weit wie möglich auf die Gelder für Entwicklungszusammenarbeit an, zu der sie sich sowieso verpflichtet haben. Das heißt, sie geben letztendlich nicht wirklich mehr Unterstützung, sondern verrechnen diese nur unterschiedlich.

Viele der betroffenen Länder dagegen fordern, dass die Klimafinanzierung unabhängig von der Entwicklungsfinanzierung gegeben wird und argumentieren damit, dass der Klimawandel zusätzliche Belastungen mit sich bringt, wie zum Beispiel den Wiederaufbau von durch extreme Wetterereignissen zerstörter Infrastruktur. Leider finden sie bei den Industriestaaten nur wenig Gehör. Ein weiteres Problem ist, dass die Industriestaaten häufig private Investitionen von Investor*innen aus ihrem Land in das 100-Milliarden-Versprechen einrechnen und den Anteil, der tatsächlich aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird, nochmal verringern.

Das wichtigste, um Klimagerechtigkeit zu erreichen, ist CO2-Emissionen vor allem im Globalen Norden schnell und effektiv einzusparen, um die schlimmsten Folgen der Klimakrise noch zu verhindern oder zumindest abzuschwächen. Darüber hinaus sollten wir auch beginnen solidarischer mit den Folgen der Erderwärmung umzugehen.

Klimagerechtigkeit bedeutet den Betroffenen zuzuhören

Es ist Zeit, die Länder des globalen Südens und die Klimaaktivist*innen aus dem globalen Süden endlich ernstzunehmen und auf ihre Forderungen einzugehen. Zu häufig werden ihre Stimmen nicht gehört oder nicht ernst genommen. Dabei sind es häufig diese Menschen und Communities, die an der Frontlinie im Kampf gegen die Klimakrise stehen und das schon seit Jahrzehnten, weil sie sie selbst täglich erleben. Sie wissen, was sich ändern und was getan werden muss. Beispielsweise leben Menschen aus den indigenen Bevölkerung seit Jahrhunderten im Einklang mit dem Amazonas Regenwald und beschützen diesen. Studien des World Resource Institutes zeigen beispielsweise, dass Gebiete, in denen indigene Bevölkerung lebt, eine zwei- bis dreifach niedrigere Abholzungsrate haben, als andere Gebiete!

Außerdem zeigte eine weitere Studie der kanadischen Carleton Univeristy, dass die Biodiversität in Gebieten, die von indigener Bevölkerung verwaltet wird, am höchsten ist. Häufig erkennen die Regierungen jedoch ihre Rechte auf das Land, auf dem sie und ihre Vorfahren schon seit Jahrhunderten leben, nicht an, sodass sie „legal“ vertrieben werden können, um den Wald zum Beispiel für Ackerland zu roden. Indigene Stimmen zu überhören, führt zu fatalen Fehlentscheidungen: Dazu gehört das Mercosur-Abkommen, welches die EU-Kommission mit Brasilien schließen will. Dies würde massive Verschlechterung für die indigene Bevölkerung, ebenso wie für den Klimaschutz verursachen.

Zudem kommt die Praxis des „Greengrabbings“: Menschen und Firmen im globalen Norden geben Geld an Waldschutzprojekte im globalen Süden,um ihre Emissionen auszugleichen. Diese Praxis wurde als Marktmechanismus im Kyoto-Protokoll, einem wichtigen Vertrag zum Klimaschutz verhandelt. Zum Teil kommt es aber dazu, dass Waldgebiete unter Schutz gestellt werden, in denen indigene Bevölkerung seit Jahrhunderten den Wald nachhaltig nutzt und die Menschen aber nun vertrieben werden, statt ihre Lebensweise und ihren Umgang mit dem Wald zu schützen und von ihnen zu lernen. Wenn wir die Klimakrise verhindern wollen müssen wir unsere eigenen Emissionen drastisch reduzieren und unsere Lebensweise ändern. Dafür ist es wichtig, dass wir auf die Stimmen und das Wissen der Betroffenen hören, statt sie weiter zu benachteiligen.

Wenn wir am 25. September für Klimagerechtigkeit auf die Straßen gehen, dann geschieht das auch in Solidarität mit allen Menschen, die weltweit für Klimaschutz kämpfen. Sei dabei!

Im nächsten Teil unserer Artikelserie zu Klimagerechtigkeit geht es um Antirassismus, soziale Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit und was sie mit der Klimakrise zu tun haben.

2 Kommentare zu „Zeit für Klimagerechtigkeit #KeinGradWeiter – Teil II: Klimagerechtigkeit im globalen Kontext

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