Friederike Habermann, was kann Protest bewegen?

Können wir die Welt eigentlich noch zum Besseren verändern? Hat Protest gegen die Klimakrise eine Wirkung? Ja, sagt Friederike Habermann und erklärt in dem neunten Teil unseres Sommer der Utopien, weshalb Brüche im System manchmal nötig sind, warum wir uns von dem Denken in Binaritäten lösen müssen und wie Bewegungen Veränderung im Alltagsverstand bewegen.

„Stehen Sie freiwillig auf oder müssen wir Schmerzgriffe anwenden?“, fragen mich die beiden Menschen in Uniform höflich. Im Rahmen der augustriseup rebellion week in Berlin blockieren wir mit einigen hundert Aktivistis bereits seit Stunden die Kreuzung vor dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Da ich meinen Besuch in der Hauptstadt noch für das Wiedersehen mit einer Freundin nutzen wollte, bin ich nicht böse drum, dass ich endlich loskomme – nur die angebotene Alternative gefällt mir nicht. Zumal die Sitzenden vor mir auf Möbelrollern abtransportiert wurden. Offensichtlich ist das soeben von oben untersagt worden. „Hören Sie, mein Wegtragtraining habe ich vor 38 Jahren gehabt, aber ich bin immer unsanft entfernt worden – das mit dem Wegtragen ist doch ein Mythos!“, empöre ich mich. „Stehen Sie einfach auf, dann passiert nichts“, entgegnen sie. „Doch, es passiert was, dann verschwinden nämlich noch die allerletzten Insekten vor meinem Fenster, wenn ich abends Licht anmache“, halte ich dagegen. Nun, das Gespräch zieht sich noch etwas länger, doch letztlich kann ich sie überreden – wobei mein überdurchschnittliches Alter, die blonden Haare und mein geringes Tragegewicht in diesem Fall Privilegien darstellen, die sicher ihren Anteil daran haben, dass ich mein erstes Mal erlebe. Aber dann geschieht etwas noch viel Ungewohnteres. Der Mensch in Uniform, zu dem ich getragen werde, verlangt meinen Personalausweis, überträgt die Daten in sein Formular und fragt dann interessiert: „Friederike Habermann, welchem Geschlecht fühlen Sie sich zugehörig?“

„Oh, das ist nett, dass Sie fragen“, sage ich. „Eigentlich keinem so richtig.“ „Soll ich dann ‚divers‘ eintragen?“ „Ja, bitte“, antworte ich erfreut, und wende mich wieder dem Menschen zu, der mich mitgetragen hatte und nun auf mich aufpassen soll. „Ich weiß auch nicht“, sagt dieser. „Wozu gibt es heutzutage noch Einordnungen in Geschlechter?“ Seine smaragdgrünen Augen scheinen plötzlich zu leuchten. „Es wäre doch viel schöner, alle könnten sich davon unabhängig entfalten!“

Eigentlich war es ja wie immer: Wir blockieren etwas, werden entfernt, die Politik ändert sich nicht, und wir sollen frustriert nach Hause gehen. Nicht nur Frischlinge auf der Straße glauben, dass Bewegung so funktioniert. Auch die Bewegungsforschung ist wesentlich von diesem Ansatz geprägt. Wie kommt es dann aber, dass wohl ziemlich jede einzelne Aktion der Suffragetten im 19. Jahrhundert so endete (mal mehr, mal weniger gewaltsam aufgelöst; mal mit, mal ohne anschließendem Gefängnisaufenthalt) und nach dem Ersten Weltkrieg in Mitteleuropa wie selbstverständlich fast überall das Frauenwahlrecht eingeführt wurde? Und nun, hundert Jahre später, aber immerhin, Polizistis mich nach meinem Geschlecht fragen.

Wir zielen mit Aktionen nicht auf die Politikelite, sondern auf den Alltagsverstand – das ist es, was Veränderung bewirkt. Und Aktionen sind nur der sichtbare Teil einer Bewegung. Der unsichtbare Teil ist das, was diejenigen, die in Bewegung gekommen sind, in ihrem Alltag verändern. Und das können neben den Aktivistis auch jene sein, die mit uns zu tun haben. Das wiederum verändert die Menschen, mit denen diese zu tun haben. „Das Private ist politisch“ ist der vielleicht wichtigste feministische Slogan der neuen Frauenbewegung nach 1968. Das gilt nicht nur für anti-sexistische Kämpfe. Zwar behauptete die Pfanni-Werbung lange Zeit, „Jede Revolution beginnt mit einem Auflauf“, die Philosophin Bini Adamczak argumentiert aber in ihrem Buch Beziehungsweise Revolution von 2017, dass Revolution bedeute, die andere Gesellschaft aufzubauen, und zwar vor und nach möglichen Aufläufen, Aufständen oder anderen Wendepunkten.

Identitätspolitische Kämpfe sind dabei kein Nebenschauplatz. Auch eine Person, die sich als divers identifiziert, wird, sofern sie sich für eine Laufbahn in Uniform entscheidet, sehr bestimmten Anforderungen an ihr Sein und Handeln unterworfen. Selbst jede Person, die in dieser Gesellschaft eine der privilegiertesten Positionen ergattert – sagen wir als CEO eines großen Unternehmens – ist extremen Vorgaben an ihr Sein und Handeln unterworfen. Übrigens in beiden Fällen historisch männlich geprägten. Und damit es den anderen nicht zu gut geht, gibt es all die Zeittotschlagmaßnahmen und Erniedrigungen namens Hartz-IV & Co. Emanzipation bedeutet also auch, uns von unseren ökonomischen Identitäten zu befreien.

So wenig wie in männlich und weiblich, so wenig geht unsere Identität auf in all den Gegensätzlichkeiten, die das Produkt von Wirtschaftssystemen sind, die auf der Aneignung fremder Arbeit beruhen. Diese Binaritäten erscheinen uns aber inzwischen so natürlich, dass sie in der Regel nicht hinterfragt werden: Dass wir arbeiten müssen, aber faul sein wollten; dass wir egoistisch seien und das im Gegensatz zu Altruismus stünde; dass Unabhängigkeit immer besser als Abhängigkeit wäre etc.

Ich jedenfalls mag nicht arbeiten, denn selbst mein größtes Hobby müsste ich unter entfremdeten Umständen ausleben: mit dem ständigen Druck zur Selbstausbeutung und/oder zu festen Arbeitszeiten, 8 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche, mein Leben lang oder jedenfalls so lange, bis ich durch wen Besseres ersetzt werde. Und nie in Resonanz, also in antwortender Beziehung mit den Materialien, meiner körperlichen Befindlichkeit, meinen eigenen Prioritäten oder denen meiner Kolleginnen. Sondern dies alles stets an den Rand drückend danach ausgerichtet, was am meisten Geld bringt. Ich mag aber auch nicht faul sein, weil ich immer etwas sehe, was besser wird, wenn ich etwas dafür tue. Und so geht es mit allen diesen Dichotomien: Bin ich kooperativ tätig, löst sich der Gegensatz zwischen Egoismus und Altruismus auf. Und es ist die solidarische Verbundenheit und damit Abhängigkeit von den Menschen um mich herum, die mir mein Leben in ökonomischer Unabhängigkeit ermöglicht, und damit, mich von Arbeit unabhängig entfalten zu können, also dem zu widmen, was ich selbst wichtig finde, um meine Lebenszeit darauf zu verwenden. Ohne andere hätten wir nie auch nur Gehen oder Sprechen gelernt. Queertheorie besteht quasi im Aufbrechen solcher Binaritäten, also dem Denken in ‚entweder/oder‘. Denn es begrenzt unseren Horizont. „There are only two kinds of people, those who believe in binarities and those who don’t“, las ich einmal auf einem T-Shirt. „I don’t“. Das darin etwas nicht aufgeht, fällt uns noch irgendwie auf. Doch oft fallen uns falsche Gegensätzlichkeiten nicht mehr auf. Insbesondere dann, wenn sie unser Erleben begrenzen. Darum spricht die Queertheoretikerin Judith Butler von ‚Melancholie‘ als Ausdruck eines Verlusts, der nicht bewusst werden kann, wenn ausgeschlossene Lebensoptionen im Rahmen der gegebenen Ordnung gar nicht vorstellbar sind. Dabei hängen Sexismus, Rassismus, Ablelismus etc. eng mit Kapitalismus zusammen. Ohne behaupten zu wollen, es habe bis dahin nicht andere Begründungsmuster für Unterdrückung gegeben: Erst mit der Marktgesellschaft kam es zum modernen Verständnis von Zweigeschlechtlichkeit und zur Einteilung von Menschen in Rassen. Ungleichheit wurde biologisiert, und damit bestehende patriarchale und koloniale Privilegien trotz des Rufs nach Freiheit und Gleichheit gesichert. So verloren beispielsweise Frauen nach der Französischen Revolution von 1789 Rechte, die zumindest die Privilegierteren von ihnen zuvor besessen hatten, da das nun ‚schwache Geschlecht‘ als physiologisch und psychologisch nicht fähig galt, freie und gleiche Staatsbürger zu sein. Die Emanzipationserfolge der Zeit seitdem entsprechen dem Recht, so sein zu dürfen, wie es dem männlich, weiß, able-bodied etc. geprägten Bild des Homo Oeconomicus, des Subjekts der Wirtschaftswissenschaften, entspricht. Was das alles mit Klima zu tun hat? Die Anforderungen an unser Selbst in Form von Leistungsdruck, strukturellem Hass (machen wir unseren Lebenslauf besser, wird der anderer relativ schlechter etc.) und Entfremdung sind keine Nebenprodukte davon, etwas herzustellen. Sondern Marktwirtschaft muss Ressourcen verknappen, damit sich überhaupt ein Preis bilden kann, und zugleich braucht es diese künstliche Verknappung, um Menschen zu Arbeiten zu zwingen, die sie nicht innerlich motiviert tun. Dabei geht es nicht wirklich um Bedarfsdeckung. Die Coronakrise hat dies wieder einmal deutlich gezeigt: Die allermeisten saßen gerade zu Hause und hatten darum wenig Bedarf, und allein deshalb wurde eine Wirtschaftskrise ausgelöst, die nur mit schnell erzeugten Geldmassen zum künstlichen Aufrechterhalten der Produktion bezwungen werden konnte. Der sich dadurch verschärfenden Umweltkrise zum Trotz. Doch damit nicht genug. Erstens sind Unternehmen durch die Konkurrenz strukturell gezwungen, so viel un- und unterbezahlte Ressourcen zu vernutzen, wie möglich: seien es Natur oder Tiere oder (Sorge-)Tätigkeiten. Denn wer am Markt bleibt und wer nicht, entscheidet sich über den Preis. Nicht zufällig entstand unser Verständnis von Natur als etwas von Menschen Getrenntes, nämlich als Ressource, erst mit dem Kapitalismus. Wobei Indigene und die dann als Schwarz konstruierten versklavten Menschen sowie weiße Frauen zunächst zunehmend auf der Seite der Natur verordnet wurden – und damit ihr Tätigsein. Das änderte sich erst wieder durch die eingangs erwähnten Kämpfe um Gleichberechtigung. Zweitens erzwingt die Dynamik der Marktkonkurrenz ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts mit stets absolut steigendem Ressourcenverbrauch – dass das eine ohne das andere nicht geht, ist eine empirische Tatsache. Wenn wir es schaffen, das Klima zu retten, wird es auf Kosten anderer Umweltschäden gehen. Sofern wir nicht andere Logiken des Wirtschaftens stark werden lassen. Doch die Marktlogik überwinden – ist das nicht wirklich völlig utopisch? Seit über 40 Jahren aktiv, sehe ich, was wir schon erreicht haben. Unsere Blockade von 1983 galt Atomwaffen – die Bedrohung durch den Dritten Weltkrieg bedeutete, dass jederzeit quasi von einem Moment auf den anderen alles ausgelöscht sein konnte. Ich wuchs in diesem Bewusstsein auf. Mehr als einmal hing es durch Fehlalarme an Minuten und an der Entscheidung einer Einzelperson. Die diese Entscheidung vielleicht beeinflusst von unseren Friedensaktionen traf. Heute aber stelle ich erstaunt fest, dass viele junge Menschen sich all dessen gar nicht mehr bewusst sind. Für mich jedoch ist alles, was nach dem Kalten Krieg kam, Kür. War ich in den 70ern die einzige in der Schule, die kein Deospray benutzte wegen des darin enthaltenen FCKW und dem dadurch erzeugten Ozonloch, so wurde dieses Treibgas in den 80er Jahren verboten. Stimmten in den 80ern selbst Schüler*innen gegen eine geschlechtsneutrale Bezeichnung ihrer bundesweiten Vertretung BuSV (damals war ich im Vorstand), so wurde das große I in den 90ern Bewegungsstandard. Heute reden schon ARD-Nachrichtensprecher*innen ‚mit Lücke‘ und werden wir im ZDF vom Moderator Aurel Mertz begrüßt mit „Hallo, ihr hübschen Menschen aller Geschlechter“.

Genau, nicht mehr alle Personen in diesen Positionen sind weiß. Bekam ich vor nicht einmal zehn Jahren als Reaktion auf mein Critical Whiteness Buch „Der unsichtbare Tropenhelm“ von respektierten weißen Linken zu hören, das sei ein überflüssiges Thema, so schäme ich mich heute dafür, dass ich im Buch noch das N-Wort zitiere.

Andererseits: Bis heute werden die un- und unterbezahlten Tätigkeiten überwiegend von Frauen* und People of Colour bzw. insbesondere von Women of Colour erbracht – wobei natürlich auch eine Verschiebung hin zu anders begründeten Ausbeutungslegitimationen, z.B. als ‚white trash‘, nichts an der strukturellen Notwendigkeit dieser ungleichen Lebenschancen ändern würde. 60 Menschen arbeiten in anderen Ländern für unseren durchschnittlichen Konsum unter sklavenartigen Bedingungen. Marktwirtschaft bedeutet immer Ausbeutung von Mensch und Mitwelt, und es liegt an unserem strukturellen Verhaftetsein, das sich das nicht mit etwas gutem Willen aufheben lässt.

In der Regel schaffen wir es nicht für längere Zeit, gegen Strukturen anzuleben. Bini Adamczak beschreibt das wie folgt: „Unter herrschenden Bedingungen erscheint es meist vernünftiger, nicht zu streiken, sondern zu arbeiten, nicht das Patriarchat anzuprangern, sondern die eigene Einsamkeit zu bekämpfen, nicht zu klauen, sondern einzukaufen, nicht das Plenum zu besuchen, sondern die Verwandtschaft.“ Auch wer die eigenen Verwandten mag, versteht: Solange die Strukturen besagen, dass wir unsere Lebenszeit verkaufen und total viel leisten müssen, stecken wir in diesen Zwängen. Deshalb, so Adamczak, braucht es die Heftigkeit und Geschwindigkeit der revolutionären Bewegung. Um die Strukturen aufbrechen und umbauen zu können.

Und darum werde ich schon bald wieder in Berlin auf der Straße sitzen. Nicht, weil ich glaube, dass wir damit eine Revolution auslösen, sondern wieder, um den Alltagsverstand zu verschieben. Der dann wiederum Druck darstellt, der aber auch Neues für möglich halten und damit ermöglichen kann. Aber auch ist es stets einen Versuch wert, Brüche zu erzeugen, statt einfach nur auf die nächste Katastrophe zu warten, nach der das, wofür wir kämpfen, plötzlich der Mehrheit als selbstverständlich erscheint – wie es der Weltkrieg für das Frauenwahlrecht war. Oder der GAU in Fukushima für das Ende der Atomkraft. Allerdings, wenn Politiker derart in ihrer Blase schweben, dass sie die derzeitigen Hochwasser- und anderen Katastrophen für nicht groß genug erklären, um auch nur die Kohle-Politik zu ändern, dann braucht es offensichtlich noch Druck von unten.

Doch das Beenden der AKWs wurde auch nur deshalb möglich, weil Menschen in den 70er Jahren nicht nur protestierten, sondern auch in ihren Vorgärten Windräder und Sonnenkollektoren bastelten und damit die technische Grundlage legten für die Energiewende. Und queeres Leben hätte sich nicht ausschließlich innerhalb der heteronormativen Gesellschaft entwickeln können. Eine andere Identität kann erst wirklich in einem Raum gelebt werden, in dem dies eine Selbstverständlichkeit ist. Das gilt für gender-queere wie auch für ökonomisch-queere. Genauso braucht es Räume anderer Selbstverständlichkeit, in denen wir beginnen, neue Logiken des Wirtschaftens miteinander zu leben. Erst in Räumen, die sich statt nach Tauschlogik nach Bedürfnissen und Fähigkeiten organisieren, können wir neue Denk- und Handlungshorizonte entwickeln. Die Klimacamps und die Waldbesetzungen sind brillante Beispiele dafür. Es geht dabei nicht um perfekte Inseln im Falschen, sondern um ‚Halbinseln gegen den Strom‘, wie ich es nenne, aus denen Neues erwachsen kann.

Wie so oft in der Geschichte sind es unsere Bewegungen, die eine mögliche Zukunft vorwegleben. Im Grunde organisiert sich jede soziale Bewegung heute nach Bedürfnissen und Fähigkeiten. Fridays for Future auch, oder? Macht weiter so! So seid Ihr, so sind wir auf dem Weg in die Utopie, in der sich jeder Mensch unabhängig von identitätspolitischen und ökonomischen Vorgaben und Zwängen entfalten kann.

Zur Autorin: Friederike Habermann ist eine deutsche Volkswirtin und Historikerin. Sie schreibt, lehrt und forscht als freie Wissenschaftlerin. Ihre Themenschwerpunkte legt sie zum Beispiel auf die Gebiete Gesellschaftliche Emanzipation, Intersektionalität, globale soziale Bewegungen, alternative Ökonomien und Feminismus

Ein Kommentar zu „Friederike Habermann, was kann Protest bewegen?

  1. Nötig ist eine öko-konservative Politik. Eine christlich-konservative Haltung ist zu befürworten; aber ein bibeltreuer christlicher Fundamentalismus ist abzulehnen. Zudem muss das Christentum charismatisch erneuert werden. Bitte googeln: Theosophie343

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