Deutsche Außenpolitik, Kipppunkte und Gender | COP Daily Tag 7

Tag sieben der COP – wir haben die Halbzeit erreicht! Heute stellen wir euch die neue deutsche Strategie der Außenpolitik vor, gehen auf einen am Vormittag in Dubai präsentierten Bericht zu Klimakipppunkten ein und erklären den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Klima, der am Anfang der Woche auf der COP thematisiert wurde.

Deutschland als Vorreiter in der Außenpolitik? Die neue Strategie

Auf der Weltklimakonferenz in Dubai hatten deutsche Regierungsvertreter*innen heute wieder alle Hände voll zu tun: Parallel zur COP hat Deutschland sich auf ein Papier zur Außenpolitik in Klimafragen geeinigt – die sogenannte Klimaaußenpolitikstrategie der Bundesregierung.

Damit ist Deutschland das erste Land der Welt mit einer Klimaschutzstrategie in der Außenpolitik, welche in einem 80 Seiten langen Dokument festgehalten wurde. Das Dokument findet ihr übrigens hier auf der Seite des Auswärtigen Amtes. In der Strategie wird die Wichtigkeit vom Pariser Klimaabkommen betont und Klimaschutz als wichtiger Teil der Außenpolitik verankert – ziemlich nice! Das Ziel ist dabei eine sozial-gerechte und wirtschaftlich erfolgreiche Transformation in eine klimagerechte Zukunft. Dafür sollen laut dem Papier Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2019 „annähernd halbiert” werden. Deutschland will dabei Vorreiter und Brückenbauer sein. Klingt alles gut – entscheidend ist jetzt aber, dass auf die Worte auch Taten folgen. Und für genau solche Taten bietet die COP28 auch noch weiterhin viele Möglichkeiten.

Unsere Quellen für diesen Absatz:

  1. Klimapolitik: Bundesregierung einigt sich auf Außenpolitik in Klimafragen – Politik – SZ.de
  2. Klimaschutz in der Außenpolitik: Wie die Regierung international Einfluss sichern will (msn.com)

Sieben Meter Meeresspiegelanstieg?! Ein neuer Klimakipppunktebericht

Strategien sind allerdings nicht alles, was heute in Dubai präsentiert wurde: Am Vormittag wurde ein neuer Kipppunktbericht (ja, das schreibt man wirklich mit drei p!) vorgestellt. Dieser legt aufs Neue dar, wie die Klimakrise unsere Ökosysteme stark gefährdet und verdeutlicht die Gefahr der globalen Erhitzung. 

Kipppunkte sind kritische Schwellen, bei deren Überschreitung sich das Klimasystem abrupt und unumkehrbar verändern kann. Sie beschleunigen somit die Klimakrise und führen zu unwiderruflichen Schäden an den Ökosystemen. Deswegen müssen wir alles in unserer Macht stehende tun, um sie zu verhindern. Der neue Bericht verdeutlicht allerdings eine Problematik: Man weiß nicht genau, bei welcher Temperatur ein Kipppunkt wirklich erreicht wird. Beim Grönlandeisschild liegt er z. B. irgendwo zwischen einem und drei Grad Erderwärmung, wir haben aktuell 1,2°C. Wenn das Eisschild komplett abschmilzt, was nach Eintreffen des Kipppunkts nicht mehr verhindert werden kann, wird der Meeresspiegel im Laufe mehrerer Jahrhunderte um sieben Meter ansteigen. Genau das muss jetzt verhindert werden. Das Grönlandeisschild ist außerdem nicht das einzige bedrohte Ökosystem: Auch ein anderes Eisschild, die subpolare Wirbelzirkulation (vereinfacht erklärt: ein Kältekreisel, der dafür sorgt, dass die Luft sich mischt und es nicht überall gleich warm ist), nördliche Wälder, Mangroven und Seegraswiesen (ein Unterwasserökosystem) sind alle stark durch die Klimakrise gefährdet. 

Die gute Nachricht, falls man optimistisch bleiben will: Wir wissen nicht nur, was schief gehen kann, sondern auch, wie wir es verhindern können. Die an dem Bericht beteiligten Forscher*innen veröffentlichten zeitgleich auch Empfehlungen, wie wir die Kipppunkte stoppen können. Dazu gehören unter anderem eine Anpassung der Loss- und Damage Governance und das Setzen positiver Kipppunkte: zum Beispiel durch den Ausbau erneuerbarer Energien, was zu einer sich selbstverstärkenden Veränderung führen kann. An erster Stelle steht allerdings – wer Sultan Al Jaber heißt, muss jetzt einmal ganz stark sein – ein Fossil Fuel Phase Out. Wir haben Lösungen in der Klimakrise, und ein vollständiger Ausstieg aus allen fossilen Energien ist dafür ein wichtiger Schritt, der nun erfolgen muss.

Unsere Quellen für diesen Absatz:

  1. Erderwärmung – Forschende warnen vor Kipppunkten bei acht wichtigen Natursystemen (deutschlandfunk.de) 
  2. Global Tipping Points | Key recommendations (global-tipping-points.org)

Geschlechtergerechtigkeit und die Klimakrise

Das FLINTA* Personen alltäglich und strukturell unter Diskriminierung leiden, ist allgemein bekannt. Das Akronym FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen – also für all jene, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchal diskriminiert werden. Wie die Klimakrise als “Gefahrenmultiplikator” für existierende geschlechterspezifische Ungerechtigkeit fungiert, erfahrt ihr jetzt. 

Auch wenn die Medienöffentlichkeit am vergangenen Montag (und wir auch, to be fair) besonders über die Finanzfragen der COP berichtete, war am 4. Dezember neben dem Finance Day auch der Gender Day. Zuvor haben wir es zeitlich nicht geschafft, aber jetzt ist ein kleiner Recap dran: Geschlecht und Klima.

Warum wir einen Gender Day auf einer Klimakonferenz brauchen? Da wären zwei Dinge:

Erstens sind FLINTA* Personen überproportional von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen. Laut UN Women sterben Frauen* mit 14-mal höherer Wahrscheinlichkeit bei einer Katastrophe als Männer. Sie können seltener schwimmen, werden später gewarnt oder müssen sich auf der Flucht um Angehörige kümmern. Zudem sind FLINTA* Personen überproportional in besonders vulnerablen Gruppen präsentiert – so z. B. unter Armen oder Wohnungslosen. Naturkatastrophen, Verlust von Lebensraum und andere durch die Klimakrise ausgelöste existenzbedrohende Ereignisse betreffen diese von der Gesellschaft marginalisierten Personengruppen als erstes. 

Während FLINTA* Personen also besonders stark von der Klimakrise betroffen sind, haben sie auffällig wenig Mitspracherecht, wenn es um adäquate Klimapolitik geht. Macht keinen Sinn? Finden wir auch. 

Glücklicherweise findet das die COP seit 2019 auch. In dem Jahr wurde der Gender Action Plan (kurz GAP) verabschiedet, der unter anderem alle zukünftigen Gastgeber*innen der COP verpflichtet, einen Gender Day auszutragen. Neben einer Analyse von Auswirkungen des Klimawandels auf Frauen* und andere marginalisierte Gruppen (wie LGBTQIA+  oder Indigene) geht es auch um die Stärkung der Handlungsmacht eben jener. Diese Notwendigkeit wird besonders deutlich, da wir auch in diesem Jahr ein starkes geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht feststellen können. Von 133 auf der COP vertretenen Staatsoberhäuptern sind nur 13 Frauen*. Bezüglich der Delegierten sieht es etwas besser aus – hier gibt es ca. 38 % weiblich gelesene Delegierte. Doch auf dieser Zahl stagniert der Frauen*anteil seit nun sechs Jahren. 

Das ist ziemlich schade, denn Daten zeigen, dass die aktive Mitgestaltung und Initiative von Frauen* in der Klimapolitik – ob auf großer Bühne in Dubai oder beim Landgarten-Projekt in der Region – deutlich effektivere und progressivere Ergebnisse hervorbringt. Benachteiligung bis Ausschluss von FLINTA* Menschen in der Klimapolitik schadet so nicht nur der benachteiligten Gruppe selbst, sondern allen Menschen (Männer ausdrücklich mitgemeint 🙂 ). 

Am Gender Day hat die COP Präsidentschaft dieses Jahr einen von 60 Ländern ratifizierten Vertrag vorgestellt, der den überdurchnittlichen Jobverlust von Frauen* durch die Klimakrise adressiert (“Gender-Responsive Just Transitions & Climate Action Partnership”).

Dass das Thema somit einen relativ prominenten Platz auf der Tagesordnung der COP hat, ist als positive Entwicklung einzuordnen. Gleichzeitig müssen in Zukunft mehr wegweisende Entscheidungen hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit getroffen werden. Die Organisation „She Changes Climate“ fordert z. B., einen Präsidenten sowie eine Präsidentin für alle zukünftigen COPs zu ernennen. 

Es gilt nun auch nach dem Gender Day Geschlechtergerechtigkeit in jeglicher Debatte mitzudenken und Handlungsmöglichkeiten von FLINTA* weiter entschieden auszubauen. 

Unsere Quellen für diesen Absatz:

  1. COP28 – Gender Equality Day – “Climate change is not gender neutral” – ..rteredaccountants.ie
  2. Klima und Gender – UN Women Deutschland
  3. SHE Changes Climate
  4. Overrepresentation of Men in UN Climate Process Persists | UNFCCC
  5. Time to end the UN Climate Change Conference boys‘ club
  6. Analysis: Which countries have sent the most delegates to COP28? – Carbon Brief
  7. Gender & Women at COP 28 | UNFCCC
  8. FCCC/CP/2019/13/Add.1 | UNFCCC
  9. COP28 launches partnership to support women’s economic empowerment and ensure a gender-responsive just transition at COP28 Gender Equality Day

Morgen geht es mit dem nächsten Update weiter!

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1 Gedanke zu “Deutsche Außenpolitik, Kipppunkte und Gender | COP Daily Tag 7

  1. kleine Korrektur:
    Kipppunkte sind … … das Klimasystem (schlimmstenfalls sogar) ABRUPT verändern KANN,
    sich jedoch ( im laufe der Zeit ) UNUMKEHRBAR verändern WIRD.

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